In der europäischen Windindustrie sind in den letzten drei Jahren 35.000 Stellen gestrichen worden. / Foto: ABO Wind

16.11.19 Erneuerbare Energie , Meldungen

Geht der Windindustrie die Luft aus?

2019 ist der Ausbau der Windenergie in Deutschland um 81 Prozent zurückgegangen. Branchenvertreter fordern, die Fehler der deutschen Windpolitik nicht in Österreich zu wiederholen.

"Die Ausschreibungspraxis verhindert den Windenergieausbau, anstatt ihn zu fördern. Denn das Beispiel Deutschland zeigt: Bürgerinitiativen tragen das teure Planungs-Projektierungsrisiko. Bekommen sie keinen Zuschlag, dann ist auch keiner mehr vor Ort engagiert, was zu Lasten kleinerer lokaler Zulieferer geht, die Wertschöpfung reduziert, die Akzeptanz in der Gesellschaft für die Windenergie mindert und letztlich die Ausbauziele verfehlt." Zu diesem Schluss kam Stefan Gsänger, Generalsekretär des weltweiten Windenergieverbandes WWEA, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "windrichtungen" der IG Windkraft am Dienstag dieser Woche in Wien.

Mehr als 35.000 Jobs verloren

Die World Wind Energy Association (WWEA) kritisiert auf Basis einer durchgeführten Studie die politischen Rahmenbedingungen in Deutschland. "Dadurch wurde die Windbranche in ganz Europa verunsichert", merkt Gsänger im Gespräch mit der Presseagentur pressetext an.

Die Zahlen sprechen jedenfalls für sich. Seit 2017 gingen über 35.000 Jobs im Windbereich verloren. Das Schwergewicht Senvion ist in Konkurs, und erst vergangene Woche kündigte der größte deutsche Hersteller Enercon weitere 3.000 Entlassungen an. Hiobsbotschaften von Vestas Ende September runden das Bild ab.

Für Branchenvertreter Gsänger ist der Verlust von einem Viertel der Beschäftigten der Windbranche in nur drei Jahren hausgemacht: "Seit der Änderung des Fördersystems in Deutschland ist der Markt regelrecht zusammengebrochen."

Auch andere Länder, in denen ebenfalls auf Ausschreibungen umgestellt worden sei, zeigten die gleichen negativen Entwicklungen. "Egal ob Indien, die Türkei oder Deutschland: Wegen Ausschreibungen zur Fördervergabe werden die Ausbauziele massiv verfehlt. Unternehmen verzeichnen weniger Nachfrage und können aufgrund des ruinösen Preiswettbewerbs kaum noch in Innovationen investieren", sagt Stefan Schafferhofer, Leiter der Business Unit des österreichischen Windkraftanlagen-Zulieferers ELIN Motoren.

Fehler nicht noch mal machen

Die Vertreter der Windbrache sehen in Bezug auf Deutschland gerade sogenannte Bürgerenergie-Windparks als zentralen Treiber für den Ausbau. Kaum verwunderlich sei, dass sich der deutsche Markt nach Jahren des Aufschwungs nun in einer Krise befinde. Laut WWEA-Zahlen wurden bis September 2019 gerade einmal 514 Megawatt Windkraftleistung errichtet. Dies entspricht laut Stefan Gsänger einem Ausbaueinbruch von 81 Prozent in einem Jahr: "Die ausgeschriebenen Mengen wurden in den letzten Runden nur zu einem kleinen Teil vergeben. In der letzten Runde im Oktober verfielen sogar 70 Prozent der Ausschreibemenge."

"Änderungen des Fördersystems sind mit Bedacht vorzunehmen. Aus den internationalen Erfahrungen muss Österreich die richtigen Schlüsse ziehen und darf keinesfalls die gleichen Fehler machen", fordert IG-Windkraft-Chef Stefan Moidl gegenüber pressetext. Österreich habe zwar schon viel geschafft, das bisher noch nicht ausgeschöpfte Potenzial sei aber riesig. "Derzeit werden in Österreich 11 Prozent Windstrom produziert. Bei den richtigen Rahmenbedingungen ist bis 2030 ein Viertel Windstrom möglich", meint Moidl.

 

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