Philipp Wagner, Gründer und Geschäftsführer von Weelectrify.Africa. / Foto: Unternehmen

  Anleihen / AIF, Crowd-Investment

Gebrauchte Windkraftanlagen für Afrika und 7 % Zins für Crowdinvestoren

Ein deutsches Unternehmen will gebrauchte Windkraftanlagen in Afrika wieder aufbauen. Für die Projektentwicklung bietet es Anlegern ab 500 Euro aufwärts ein Nachrangdarlehen an. 7 Prozent Zinsen pro Jahr sollen sie in den knapp 3 Jahren Laufzeit erhalten. Wo liegen Chancen und Risiken?

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Emittentin und Anbieterin des Nachrangdarlehens ist die 2019 gegründete Weelectrify.Africa Unternehmensgesellschaft (UG, haftungsbeschränkt) aus München. Weelectrify.Africa hat ein Stammkapital von nur 500 Euro. Das Emissionsvolumen der Nachrangdarlehen beträgt bis zu 1 Million Euro. Anleger können das Crowdinvesting ab 500 Euro über die Internet-Plattform weelectrify.africa zeichnen. Tilgung sowie Zinszahlung der Nachrangdarlehen sollen endfällig zum 30. Juni 2023 erfolgen.

Es geht um die Finanzierung früher Projektentwicklungsphasen

Die Emittentin möchte laut Vermögensanlagen-Informationsblatt (VIB, Stand: 4. Mai 2020) mit dem Anlegerkapital beispielsweise folgende Tätigkeiten finanzieren: Vorverhandlungen für Windpark-Standorte und Lizenzen, Gutachten, Förderanträge, Umweltverträglichkeitsgutachten. Die Emittentin verhandelt derzeit laut VIB die ersten Lizenzen mit der mauretanischen Regierung.

Windkraft am Rand der Sahara


In der Nachbarschaft dieses Windparks in Mauretanien will Weelectrify.Africa Windräder errichten. / Foto: Philipp Wagner

Die Emittentin möchte laut VIB Windfarmen vorzugsweise in den Ländern Tunesien, Algerien, Marokko, Mauretanien und Senegal errichten. Dazu will sie in Europa ausrangierte, regelmäßig gewartete Windkraftanlagen ankaufen und sie in Afrika wieder aufbauen.

Nach Einschätzung der Emittentin können solche gebrauchten Windturbinen, die in Europa nach 15 bis 18 Jahren Betrieb abgebaut werden, in Afrika noch weitere 15 Jahre Strom produzieren. Diese Anlagen sind nach Meinung der Emittentin sehr robust, widerstandsfähig und langlebig. Daher seien sie für die Standorte am Rand der Sahara mit ihren harten Umweltbedingungen besonders gut geeignet.

Welche Einnahmen sollen erzielt werden?

Einnahmen will die Emittentin durch den Verkauf von Projektrechten an eigene lokale Betreibergesellschaften erzielen. Mit diesen Einnahmen sollen dann die Nachrangdarlehen an die Crowdinvestoren zurückgezahlt werden. Der Plan der Emittentin sieht vor, dass ihre (zu gründenden) Tochtergesellschaften den Kaufpreis für die Projektrechte und den Bau der Windparks mit Eigenkapital und mit Kapital von internationalen Entwicklungsbanken finanzieren.

Damit die Betreibergesellschaften mit dem Betrieb der Windkraftanlagen Geld verdienen, möchte die Emittentin laut VIB Stromdirektlieferverträge (Power Purchase Agreements, PPAs) mit den Elektrizitäts-Versorgungsunternehmen bzw. den energieintensiven Industrien der afrikanischen Länder verhandeln und abschließen.

Windstrom im Wettbewerb mit Solarstrom

Besteht das Risiko, dass die afrikanischen Länder bzw. mögliche PPA-Vertragspartner Strom aus Solaranlagen bevorzugen, weil der Strom aus neuen Solaranlagen eventuell günstiger angeboten werden kann als der Strom von gebrauchten Windenergieanlagen? Dieses Risiko sieht die Emittentin für ihre geplanten Projekte nach eigenen Angaben nicht, weil nach ihrer Aussage die gebrauchten Windenergieanlagen Strom günstiger und auch nachts produzieren können, was für die Energieversorgungsunternehmen wichtig sei. Mauretanien widme sich wegen der starken Passatwinde mit dauerhaft hohen Windgeschwindigkeiten zunehmend der Windkraft. Nach Angaben der Emittentin sind die Windbedingungen am Westrand der Sahara meteorologisch günstig. Sand und Staub seien dagegen problematisch, vor allem für Solarkraftwerke, insbesondere in Verbindung mit Tau – hier kann sich auf Photovoltaikmodulen eine Schmierschicht absetzen, die zu reinigen ist.

Ist das Investitionskonzept wirtschaftlich sinnvoll?

Warum werden heute in Deutschland erst 15 Jahre alte Windkraftanlagen abgebaut? Ein Grund ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), das eine Vergütung des Windstroms der Anlagen für die Dauer von 20 Jahren vorsieht: Mit den repowerten Windkraftanlagen beginnt der Vergütungszeitraum wieder von vorne. Aber es gibt auch andere Gründe: In der Regel steigt die Reparaturanfälligkeit von Windkraftanlagen mit zunehmendem Alter. Und moderne Windkraftanlagen sind deutlich effizienter als 15 Jahre alte Anlagen. Deswegen – und auch aufgrund der größeren Nennleistung und Nabenhöhe – können neue Windkraftanlagen in Deutschland mehr als dreimal so viel Strom produzieren wie über 15 Jahre alte Anlagen.

Warum setzt die Emittentin auf gebrauchte Windkraftanlagen?


Windradbauteile im Hafen von Nouadhibou in Mauretanien. / Foto: Philipp Wagner

Während die Windkraftanlagen an ihren bisherigen Standorten einfach weiterlaufen könnten, muss die Emittentin einen hohen Aufwand betreiben, bis sich die gebrauchten Windturbinen in Afrika drehen könnten: Die Anlagen müssen geprüft werden, und es gibt in der Regel keine Gewährleistung. Aus den Angebotsunterlagen (VIB und Anlage 2 zu den Darlehensbedingungen: Projektbeschreibung) geht nicht hervor, dass gebrauchte Windturbinen wirtschaftlich sinnvoller sind. Eine Wirtschaftlichkeitsberechnung ist in den Angebotsunterlagen nicht enthalten. Die Anbieter verweisen darauf, dass es bei diesem Crowd-Investment um eine Brückenfinanzierung gehe, die mit dem Bau und den Wirtschaftlichkeitsdaten des Betriebs des Windparks nichts zu tun habe. Allerdings werden die Windparks nur verkäuflich sein, wenn sie wirtschaftlich betrieben werden können. Die Anbieter verweisen hier auf ähnliche Projekte in Marokko. Hierzu liegen ECOreporter keine Daten vor.

Risiko: Unberechenbare Regierungen und Kriege

Der wirtschaftliche Erfolg der Emittentin hängt laut VIB von mehreren Einflussgrößen ab, insbesondere von der Umsetzung des Vorhabens im geplanten Kostenrahmen und der Entwicklung des Marktes, auf dem die Emittentin tätig ist. Beispielsweise können politische Veränderungen, Länder- und Wechselkursrisiken, Zahlungs- und Leistungsfähigkeit von Kunden und Lieferanten sowie ein starker Strompreisverfall nachteilige Auswirkungen auf das Vorhaben und die Emittentin haben. Insbesondere besteht laut VIB das Risiko, dass sich die geplanten Vorhaben der Emittentin aufgrund von Krieg oder politischen Zerwürfnissen in den afrikanischen Ländern als komplexer und kostspieliger als erwartet herausstellen. Auch könnte das Vorhaben durch verstärkten Protektionismus oder Abschottung einzelner Länder bzw. Machtmissbrauch und Despotismus erschwert werden.

Die Emittentin ist nach eigener Einschätzung (Stand: FAQ, Angebots-Internetseite, Aufruf: 19. Juli 2020) von der Corona-Krise nicht stark betroffen: Sie beabsichtigt nach eigenen Angaben „sanfte Verschiebungen“ und eine etwas langsamere Abwicklung der nächsten Schritte durch die aktuell eingeschränkte Mobilität im Flugverkehr.

Fazit

Ein Projekt mit dem Ziel, nachhaltig Energie in einer Weltregion zu erzeugen, die auf grünen Strom besonders angewiesen ist. Wie bei den meisten Crowd-Investments ein Unternehmen in einer frühen Phase. Auch wenn es um Windenergie geht, ist das Geschäftsmodell hier ein komplett anderes als bei deutschen Windprojekten mit ihren neuen Windkraftwerken, Garantien, Rechtssicherheit und vor allem einem deutschen gesetzlichen Rahmen. Hier geht es um gebrauchte Kraftwerke, um afrikanische Länder. Wenn die Anbieter wirtschaftlich erfolgreich sind, ist auch der Nachhaltigkeit gedient. 7 Prozent Zinsen sind heute, in der Niedrigzinsphase, zwar viel. Angesichts der Risiken des Geschäfts ist der Zinssatz jedoch eher niedrig. Also müssen sich Anleger bewusst sein: Hier fließt kein Geld in eine sichere Altersvorsorge. Bei einem solchen Investment kann es nur darum gehen, ein Projekt zu finanzieren, dem man die Realisierung wünscht – und nicht böse ist, wenn dann am Ende doch der Einsatz verloren ist. Mit anderen Worten: Es ist eine Spekulation. Aber auch eine auf Nachhaltigkeit.

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