Der Braunkohletagebau Garzweiler von RWE - nach Grün muss man hier sehr lange suchen. / Foto: Pixabay

  Fonds / ETF, Wachhund

Greenwashing-Verdacht: Bis zu 40 % fossile Investments in „tiefgrünen“ Fonds und ETFs

Werden Fonds als nachhaltig nach Artikel 9 der EU-Offenlegungsverordnung ausgewiesen, gelten sie als besonders grün. Die Realität sieht aber leider anders aus, wie eine neue Studie zeigt.

Ein internationales Journalistenteam um die investigativen Plattformen Follow The Money und Investico hat sich den Großteil der in Europa erhältlichen Artikel 9-Fonds bzw. -ETFs angesehen, insgesamt mehr als 800. Das Ergebnis: Viele investieren in Kohleunternehmen, Ölkonzerne oder Fluggesellschaften. Der Studie zufolge stecken in fast der Hälfte der 547 in Deutschland vertriebenen Artikel 9-Fonds Wertpapiere, die aus nachhaltiger Sicht fragwürdig sind.

Grünes Geld für Aktien von RWE, Total, BP

Besonders beliebt bei angeblich tiefgrünen Fonds sind die Energiekonzerne NextEra Energy (USA), RWE (Deutschland) und Enel (Italien), die zwar Sparten für Erneuerbare Energien haben, aber auch weiterhin viel Geld mit Atomkraft, Öl oder Kohle verdienen. Auch Ölmultis wie Total Energies und BP finden sich in vielen Artikel 9-Fonds.

Am höchsten ist der Anteil fossiler Investments der Studie zufolge im Principal Global Investors Funds – Global Sustainable und im Macquarie Fund Solutions – Macquarie Sustainable: Sie sind zu 40 Prozent an Kohle- und Ölfirmen beteiligt. Hohe fossile Quoten haben auch der First Sentier Responsible Listed Infrastructure (34 Prozent), der BNP Paribas Easy MSCI Europe Small Caps SRI ETF (20 Prozent) und der BlackRock Global Funds – New Energy Fund (knapp 19 Prozent).

Ein bisschen Nachhaltigkeit genügt

Principal Global Investors erklärte auf Anfrage des Journalistenteams, dem auch das „Handelsblatt“ angehört, die Unternehmen in seinen Fonds würden „angemessene Schwellenwerte für ökologische und soziale Ziele einhalten“. BlackRock teilte mit, seine investierten Unternehmen müssten mindestens 25 Prozent ihres Umsatzes im Bereich der Erneuerbaren Energien erzielen. Also lediglich ein Viertel.

Warum so viel Schwarz und Braun, wo eigentlich nur Grün sein soll? Die Fonds-Anbieter dürfen selbst bestimmen, nach welchem Artikel der EU-Offenlegungsverordnung sie ihre Fonds kennzeichnen. Und eine Kontrolle durch offizielle Stellen findet bislang kaum statt. Zudem ist eine Kennzeichnung nach Artikel 9 kein Nachhaltigkeitssiegel, sondern sagt lediglich aus, dass ein Fonds ein konkretes Nachhaltigkeitsziel verfolgt. Was genau darunter zu verstehen ist und wie anspruchsvoll dieses Ziel sein muss, hat die EU bisher nicht klar geregelt. Fast schon eine Einladung zum Greenwashing.

Die Finanzindustrie wird vorsichtiger

Allerdings ist die Fondsbranche zuletzt vorsichtiger mit grünen Etiketten geworden, weil die EU einige Punkte der Offenlegungsverordnung mittlerweile präzisiert hat und Fondsanbieter wie die Deutsche Bank-Tochter DWS wegen Greenwashing-Vorwürfen mittlerweile nicht nur einen Image-Schaden, sondern auch juristische Konsequenzen fürchten müssen (ECOreporter berichtete unter anderem hier).

Die Folge: Insbesondere große Fondsgesellschaften rudern bei tiefgrünen Kennzeichnungen zurück. BNP Paribas beispielsweise hat kürzlich nach Angaben des „Handelsblatts“ 18 seiner 26 Artikel 9-Fonds auf „hellgrün“ (Artikel 8) heruntergestuft. Amundi will ungefähr 100 Fonds mit einem Volumen von 45 Milliarden Euro nur noch mit Artikel 8 bewerben, bei BlackRock sind es 17 Indexfonds mit einem Wert von etwa 26 Milliarden Euro. Auch die Sparkassen-Tochter Deka stuft sieben Artikel 9-ETFs herab, die DWS sechs Fonds. Das Analysehaus Morningstar geht davon aus, dass in nächster Zeit bei Fonds und ETFs im Wert von mindestens 85 Milliarden US-Dollar die Artikel 9-Kennzeichnung kassiert wird.

Für ECOreporter haben Kennzeichnungen nach der Offenlegungsverordnung nur eine begrenzte Aussagekraft, was die tatsächliche Nachhaltigkeit von Finanzprodukten angeht. Die Ansprüche der Verordnung an Fonds sind nach wie vor niedrig und in vielen Punkten unklar. Deshalb berücksichtigt die Redaktion die Artikel-8/9-Angaben bei ihren Fondstests weiterhin nicht.

ECOreporter hat hier knapp 90 nachhaltige Aktien-, Misch-, Renten- und Mikrofinanzfonds eingehend getestet.

Mehr als 90 Tests grüner ETFs finden Sie hier.

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