Axel Wilhelm ist Geschäftsführer der imug rating GmbH. / Foto: Unternehmen

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Markt für Nachhaltigkeitsratings im Umbruch – Interview mit Axel Wilhelm, imug rating

Kaum ein Teil der Finanzbranche hat sich in den letzten Jahren so grundlegend gewandelt wie der Bereich Nachhaltigkeitsrating. Übernahmen, Zusammenschlüsse, Inhaberwechsel, der Einstieg konventioneller Ratingagenturen in den Nachhaltigkeitsrating-Markt – für die Pioniere der Branche ist es wichtig, ihr Profil zu wahren und Chancen zu nutzen. Im ECOreporter-Interview erläutert Axel Wilhelm, nun Geschäftsführer, warum imug | rating aus Hannover jetzt eine eigenständige GmbH ist und nicht mehr nur ein Bereich der imug Beratungsgesellschaft, die aber alleinige Inhaberin der neuen GmbH bleibt.

Axel Wilhelm leitet seit Juli 2016 das Geschäftsfeld imug | rating, das zum Jahresbeginn 2021 als imug rating GmbH ausgegliedert wurde. Der Wirtschaftswissenschaftler sammelte erste Berufserfahrung im imug e. V. in Hannover. Er war Gründer und langjähriger Geschäftsführer der Ratingagentur scoris, der heutigen Sustainalytics GmbH in Frankfurt. Danach arbeitete er im Portfolio Management der Concordia Versicherungen Hannover. Axel Wilhelm ist Vorstandsmitglied im Forum Nachhaltige Geldanlagen.


ECOreporter: Herr Wilhelm, das imug bietet seit 1997 Nachhaltigkeitsratings für den Finanzmarkt an. Nun, mehr als 20 Jahre später, wird aus dem betreffenden imug-Arbeitsbereich die selbstständige imug rating GmbH. Warum gehen Sie diesen Schritt?

Axel Wilhelm: imug | rating hat schon seit vielen Jahren innerhalb der imug Beratungsgesellschaft als eigenständiger Bereich gearbeitet, und wir wurden ja auch vielfach bereits als eigenständige Nachhaltigkeits-Ratingagentur wahrgenommen. Unsere Kunden werden zunächst somit auch keinen Unterschied merken. Vor dem Hintergrund eines stark wachsenden nachhaltigen Finanzmarkts und künftiger regulatorischer Anforderungen halten wir eine eigenständige Gesellschaft aber auf Sicht für die bessere Lösung. Als eigenständige Gesellschaft können wir rascher und flexibler auf die zunehmende Nachfrage nach qualifizierten Research- und Beratungsleistungen reagieren und letztlich auch ein noch höheres Wachstumstempo gehen. Langfristig können wir auf diesem Weg sicherlich auch einfacher die zahlreichen strategischen Chancen nutzen, die die aktuelle Marktentwicklung bieten wird.

Der nachhaltige Finanzmarkt ist in den letzten Jahren in einer deutlichen Bewegung. Aber ein Teil dieses Marktes, die Anbieter von Nachhaltigkeitsratings, die erscheinen nicht nur in Bewegung, sondern geradezu im Umbruch. Ihre Wettbewerber wechseln Firmierungen und Inhaber, die meisten sind nun bei großen Finanz-Ratingagenturen gelandet. Andere, etwa die frühere oekom research aus München, über Umwege bei der Deutschen Börse. Wie viele deutschsprachige Konkurrenten haben Sie noch?

Na ja, das letzte Mal als ich mich mit dem Kollegen Robert Hassler (von ISS ESG, der ehemaligen oekom research, Anm. d. Red.) unterhalten habe, haben wir auch noch auf Deutsch geredet (lacht). Ansonsten gebe ich Ihnen aber völlig recht: Die vor zehn Jahren begonnene Marktkonsolidierung hat wirklich erstaunliche Ausmaße angenommen. Dass wir als imug mit diesem speziellen Dienstleistungsangebot tatsächlich mal im Wettbewerb beispielsweise mit einem DAX-Konzern stehen, ist wirklich eine neue Situation. Es gibt im deutschsprachigen Raum ja durchaus noch den ein oder anderen Wettbewerber, der sich mit dem Thema Nachhaltigkeits-Analyse befasst. Nichtsdestotrotz halten wir uns aber schon für ziemlich einmalig: Unser Gesellschafter imug ist ein inhabergeführtes deutsches KMU. Gleichzeitig beanspruchen wir mit nahezu 25 Jahren Rating-Expertise, einem erfahrenen Team mit 17 MitarbeiterInnen, zahlreichen Kunden und Referenzprojekten sowohl im Markt für nachhaltige Investoren als auch im Emittenten-Markt die Position als führender unabhängiger Akteur auf dem deutschsprachigen Markt für anspruchsvolle ESG-Informationen und -Ratings.

Nun ist Internationalität für eine Nachhaltigkeits-Ratingagentur eine Kern-Anforderung.

Richtig. Ganz alleine wären wir auch nicht dahin gekommen, wo wir heute sind. Wir kombinieren vielmehr unsere Stärken wie Kundenorientierung und regionale Kompetenz mit der globalen ESG-Expertise eines internationalen Partners. Über lange Jahre waren das die Kollegen von EIRIS aus London und seit fünf Jahren der Nachfolger Vigeo Eiris (V.E). Dieser wiederum ist mittlerweile ein Teil von Moody’s ESG. Als Partner von V.E vertritt imug | rating in Deutschland und Österreich nun einen der weltweit führenden Anbieter von ESG-Ratings, Daten, Research, Benchmarks und Analysen. Wir haben hier unseres Erachtens eine gute und zukunftssichere Mischung gefunden. Etwa die Hälfte unserer Umsätze generieren wir in Partnerschaft mit V.E, die andere Hälfte mit imug Research und Ratings.

Bei vielen neuen nachhaltigen ETFsund auch bei manchen Fonds hat man den Eindruck: Da hat jemand ein ganz konventionelles Finanzprodukt konzipiert, dann schnell alles durch den Filter einer Nachhaltigkeits-Ratingagentur geschickt – und das Ergebnis soll nachhaltig sein. Wir sehen aber auch nach wie vor tief nachhaltige Fonds wie den FairWorldFonds, für den Sie tätig sind. Wie ist Ihre Strategie, wenn es um Nachhaltigkeitsqualität geht?

Wir sind froh und stolz auf die hohe Zahl an anspruchsvollen, „dunkelgrünen“ Kunden, mit denen wir zusammenarbeiten dürfen. Der FairWorldFonds ist sicherlich einer der prominentesten davon, aber auch andere imug rating-Kunden wie die GLS Bank, BKC und Ethikbank, Acatis Fair Value oder die Hannoverschen Kassen oder SDG Investment gehören zu den Vorreitern des nachhaltigen Investments und haben auch entsprechend hohe Ansprüche an die Research-Qualität. Im Falle des FairWorldFonds sind das bspw. maßgeschneiderte Nachhaltigkeits-Profile in deutscher Sprache, die dem prominenten Kriterienausschuss des Fonds als Informationsgrundlage zur Auswahl der richtigen Titel für das Portfolio dienen. Hier wird ein großes Augenmerk insbesondere auch auf entwicklungspolitische Themen gelegt, die sich so in keiner ESG-Datenbank befinden. Ein klarer Fall für imug rating – mittlerweile arbeiten drei AnalystInnen ausschließlich für diesen Kunden. Bei aller Freude über diese Form der Zusammenarbeit gilt aber auch: Nachhaltigkeitsqualität in dieser Form zu produzieren, ist aufwendig und kostet somit Geld. Wir müssen daher für andere Kunden und andere Anforderungen auch in der Lage sein, gute und günstige ESG-Daten „von der Stange“ zu liefern. Auch dazu sind wir ja wie oben beschrieben in der Lage. Was der Kunde auf Basis dieser Daten macht, liegt aber nicht mehr in unserer Hand. Ich würde den schwarzen Peter an dieser Stelle (und im Namen aller Nachhaltigkeits-Ratingagenturen) daher gerne an die Produktanbieter weiterreichen.

Wie fällt ihr Ausblick auf 2021 aus? Was sind die großen ESG-Themen?

Wir erleben schon jetzt im Januar insbesondere durch die EU-Regulierung ein enormes Wachstum und einen „Run“ auf ESG-Daten. Gleichzeitig ist sogar die schon im März in Kraft tretende Disclosure-Verordnung Stand heute noch nicht inhaltlich ausgestaltet – das löst auch eine gewisse Unruhe am Markt aus. Ein Dauerbrenner bleibt trotz aller Standardisierung durch die EU der Wunsch der Differenzierung am Markt. Daher sind auch weiterhin individuelle ESG-Produkte gefragt. Und nicht zuletzt gibt es einen enormen Boom an grünen Finanzierungen – Green Bonds, ESG linked loans etc., hier spüren wir ein großes Interesse nicht nur unter den Large-Caps, sondere insbesondere auch im Mittelstand. Womit wir insgesamt wieder bei den Gründen für die Ausgründung der imug rating GmbH wären.

Herr Wilhelm, vielen Dank für das Gespräch!

ECOreporter hat in den letzten Jahren mehrere Nachhaltigkeits-Ratingagenturen porträtiert. Die Porträts finden Sie hier.

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