Lohnt sich aktuell der Einstieg in Cannabis-Aktien? / Foto: Pixabay

  Nachhaltige Aktien, Meldungen

Cannabis-Legalisierung: Kommt jetzt der nächste grüne Aktien-Boom?

2024 soll Kiffen in Deutschland erlaubt werden. Einheimische Cannabis-Firmen, aber auch Unternehmen aus Kanada und den USA hoffen auf das große Geschäft. Sind Cannabis-Aktien derzeit eine gute Investment-Idee? Und eignen sie sich überhaupt für nachhaltige Anlegerinnen und Anleger?

Experten schätzen den Markt für Genuss-Cannabis in Deutschland auf mehr als 4 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der Umsatz mit Cannabis-Medikamenten, die seit 2017 in Deutschland verkauft werden dürfen, lag im letzten Jahr bei gerade einmal 185 Millionen Euro. Das Potenzial ist also enorm.

Entsprechend euphorisch fielen die Reaktionen in Anleger-Foren aus, als Gesundheitsminister Lauterbach Ende Oktober halbwegs konkrete Pläne für die Legalisierung vorstellte. Einige Cannabis-Aktien legten im Kurs zu, und der Börsengang des Berliner Branchenunternehmens Cantourage verlief überraschend erfolgreich: Die Aktie startete am Handelsplatz Frankfurt mit einem Kurs von 6,48 Euro, mittlerweile kostet sie mehr als 20 Euro (siehe auch Tabelle im Premium-Bereich).

Allerdings sind die Risiken für Anlegerinnen und Anleger weiterhin hoch:

Der folgende Premium-Inhalt ist aufgrund des Artikelalters nun frei verfügbar.

Katerstimmung statt Goldrausch

In Kanada und 19 von 50 Bundesstaaten der USA ist Kiffen bereits seit Jahren erlaubt. Trotzdem gibt es in diesen Ländern bis heute keine florierende Cannabis-Industrie – zumindest keine legale. Strenge bürokratische Vorschriften erschweren es Branchenunternehmen, sich Kredite zu besorgen, und sorgen zudem dafür, dass viele Konsumenten nach wie vor auf dem Schwarzmarkt kaufen. Selbst bekannte Cannabis-Firmen wie Canopy Growth und Aurora Cannabis meldeten zuletzt Jahresverluste von mehreren hundert Millionen Dollar. Fabriken werden geschlossen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen, weil die Umsätze niedriger sind als erhofft.

Die nordamerikanische Branche hofft jetzt, ihre Überproduktion in Deutschland absetzen zu können. Doch auch hier gibt es viele Vorgaben von Behörden. Möglicherweise werden Unternehmen aus Übersee bei uns nur Cannabis verkaufen dürfen, das in Deutschland angebaut wurde. Dazu wären neue Werke nötig, die einige Firmen nicht finanzieren könnten – siehe oben.

Die Kursentwicklung ausgewählter Cannabis Aktien (sortiert nach der Jahres-Performance):
UnternehmenLandUnterbranchenISINAktueller Kurs in € (21.11.2022)Kursent-wicklung 3 Monate (%)Kursent-wicklung 1 Jahr (%)Kursent-wicklung 3 Jahre (%)
Cronos Group Inc.KanadaAnbau, Medizin, GenussmittelCA22717L10133,06-1,3-29,7-45,5
SynBiotic SEDeutschlandAnbau, Medizin, Genussm., HandelDE000A3E5A5913,90-10,6-32,2*
Green Thumb Industries Inc.USAAnbau, Medizin, GenussmittelCA39342L108512,6615,5-34,354,4
Organigram Holdings Inc.KanadaAnbau, MedizinCA68620P10181,00-13,2-42,9-56,6
Tilray Inc.KanadaMedizinUS88688T10073,75-5,9-60,9-79,2
Canopy Growth Corp.KanadaAnbau, Medizin, GenussmittelCA13803510093,58-4,6-67,0-72,0
TerrAscend Corp.KanadaAnbau, Medizin, Genussm., HandelCA88105E10881,69-1,3-67,9-32,3
Aurora Cannabis Inc.KanadaAnbau, MedizinCA05156X8841,33-20,5-78,9-94,7
Hexo Corp.KanadaAnbau, Medizin, GenussmittelCA42830430790,17-27,4-85,5-97,1
Cantourage Group SEDeutschlandMedizinDE000A3DSV0120,25***

Daten ohne Gewähr; *Unternehmen noch nicht so lange an der Börse

Wer Erfolg hat, wird übernommen

Auch das Geschäft mit medizinischem Cannabis bleibt schwierig. Denn die Kosten für Forschung und Entwicklung sind hoch, und die Präparate erhalten in vielen wichtigen Ländern bislang keine Zulassung. Herkömmliche, finanzstarke Pharmakonzerne haben deutlich bessere Chancen, Cannabis-Medikamente am Markt zu etablieren, als reine Cannabis-Unternehmen. Um einen Eindruck von den Dimensionen zu bekommen: Green Thumb Industries, einer der Marktführer bei den Pure Playern, ist an der Börse derzeit etwa 2,6 Milliarden Euro wert, der Schweizer Pharmariese Roche hingegen mehr als 170 Milliarden Euro. Entwickelt sich ein Start-up vielversprechend, wird es zum Übernahmekandidaten. GW Pharmaceuticals aus Großbritannien beispielsweise gehört seit 2021 zum irischen Pharmakonzern Jazz Pharmaceuticals.

Kursverluste bis zum Totalschaden

Cannabis-Aktien waren für langfristig orientierte Anlegerinnen und Anleger bislang keine attraktiven Geldanlagen. ECOreporter hat zehn größere, etablierte Branchenunternehmen untersucht, deren Aktien in Deutschland handelbar sind (siehe Tabelle). Auf Jahressicht haben die überwiegend stark schwankenden Papiere zwischen 30 und knapp 86 Prozent an Wert verloren. Auf drei Jahre beträgt das Minus sogar bis 97 Prozent – aktuell also ein finanzieller Totalschaden. Lediglich die Aktie von Green Thumb Industries ist auf Sicht von drei Jahren im Plus. Und es gab auch schon Pleiten. Die Hamburger Beteiligungsgesellschaft Deutsche Cannabis AG etwa befindet sich seit Anfang 2021 im Insolvenzverfahren.

Der Kurs des Global Cannabis Stock Index, in dem die wichtigsten Unternehmen der Branche geführt werden, ist nach der bislang spektakulärsten Cannabis-Aktien-Rallye im März 2014 (damaliger Höchststand des Index: 930 Punkte) um fast  99 Prozent eingebrochen. Kurzen Kursfeuerwerken folgen meist lange Verlustphasen. Ende September 2022 erreichte der Index ein neues Allzeittief von 11,2 Punkten. Ein Aufwärtstrend ist derzeit nicht erkennbar.

Von Jeans bis Joints

Cannabis (oder auch Hanf, die Begriffe sind weitestgehend synonym) ist eine der ältesten und vielseitigsten Kulturpflanzen der Welt. Aus ihr lassen sich Speiseöle und ätherische Öle gewinnen, widerstandsfähige Textilien und Seile herstellen. Die Pflanze ist pflegeleicht, schädlingsresistent und benötigt viel weniger Wasser als beispielsweise Baumwolle. Eine nachhaltige Allrounderin. Auch Medikamente mit den psychoaktiven Wirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) aus den getrockneten Blättern (Marihuana) schätzt ECOreporter grundsätzlich als nachhaltig ein.

Problematischer ist der Freizeitkonsum von THC-haltigem Cannabis. Joints sind Drogen, vergleichbar mit Alkohol. Wer sein Aktiendepot drogenfrei halten möchte, sollte bei Cannabis-Unternehmen darauf achten, dass sie ausschließlich im medizinischen Bereich tätig sind.

Die ECOreporter-Empfehlung

Cannabis-Aktien sind weiterhin hoch spekulativ, extrem schwankungsanfällig und nur etwas für sehr risikofreudige Investoren, die den Verlust ihres "Wetteinsatzes" verkraften können. Die Aussichten sind noch unsicherer als beispielsweise bei Wasserstoff-Aktien. Ob und wann Branchenunternehmen stabile Gewinne erzielen werden, ist unklar. Dazu kommen bei Genuss-Cannabis ethische Bedenken. ECOreporter rät defensiven Anlegerinnen und Anlegern weiterhin davon ab, in Cannabis-Aktien zu investieren.

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