Interface Inc. gehört zu den Weltmarktführern bei Teppichfliesen. Die Aktie findet sich in vielen nachhaltige Fonds. / Foto: Interface

  Nachhaltige Aktien

Interface Inc.: Klimaneutral auf dem Teppich bleiben

Interface stellt Teppichfliesen her – ein Erdölprodukt. Warum gilt der US-Konzern trotzdem als kerngrünes Unternehmen? Und wie aussichtsreich ist seine Aktie?

Handliches Format, flexibel einsetzbar, leicht zu verlegen: Als der Amerikaner Ray C. Anderson Anfang der 1970er-Jahre in Europa die ersten Teppichfliesen sieht, erkennt er deren enormes Potenzial für den US-Markt. 1973 gründet Anderson in LaGrange im Bundesstaat Georgia das Unternehmen Interface und beginnt, Büros mit Teppichfliesen zu beliefern.

Heute beschäftigt Interface ungefähr 3.600 Menschen und hat Fabriken in den USA, den Niederlanden, Nordirland, China, Australien und in Weinheim bei Heidelberg. In Deutschland stellt Interface unter dem Markennamen nora Bodenbeläge aus Kautschuk her. Zudem verkauft das Unternehmen Vinylfliesen. Ein Vertriebsschwerpunkt sind weiterhin Büros, mehr als die Hälfte seiner Produkte liefert Interface mittlerweile aber an Schulen, Krankenhäuser, öffentliche Verwaltungen und Privathaushalte.

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Die Vision: Weg vom Erdöl

1994 hat Interface-Chef Anderson eine Idee, für die ihn anfangs viele Konkurrenten auslachen: Er will Teppichfliesen, die vor allem aus Erdöl bestehen, klimaneutral herstellen. Anderson experimentiert mit nachwachsenden Rohstoffen und Recycling-Material, versucht mit weniger Energie auszukommen. Weil es in der Industrie kaum Vorbilder gibt, an denen er sich orientieren kann – Umweltschutz spielt in den 1990er-Jahren in den USA noch kaum eine Rolle –, braucht Interface viele Jahre, um grüner zu werden. Aber das Unternehmen erreicht das Ziel seines 2011 verstorbenen Gründers: Seit 2021 weist Interface alle Bodenbeläge als klimaneutral aus – überprüft von der renommierten unabhängigen Science Based Targets initiative (SBTi).

Interface erreicht seine gute Klimabilanz nicht in erster Linie durch CO2-Kompensationszahlungen, sondern durch Verbesserungen im Produktionsprozess. Einige Teppichfliesen-Modelle enthalten beispielsweise Kalkstein als Füllmaterial. Die Teppichfasern bestehen als recyceltem Nylon, auch das verwendete Vinyl hat einen hohen Recycling-Anteil. Unternehmensangaben zufolge bestehen die Teppichfliesen heute zu 88 Prozent aus nachwachsenden oder wiederverwerteten Rohstoffen.

Zudem verzichtet Interface auf PVC und Bitumen und hat ein klebstofffreies Verlegesystem entwickelt. Dazu kommen erhebliche Effizienzsteigerungen in der Fertigung: Von 1996 bis 2020 ist der Wasserverbrauch um 88 Prozent gesunken, und es fällt kaum noch Deponiemüll an. Drei Viertel des verbrauchten Stroms stammten Anfang 2021 aus regenerativen Quellen. Interface nimmt seine Produkte auch zurück, um sie zu recyceln.

Die Aktie von Interface ist in vielen sehr nachhaltigen Fonds und in zahlreichen kerngrünen Indizes enthalten, etwa dem Natur-Aktien-Index (nai), dem nx-25 und dem Global Challenges Index (GCX).

Corona schnell überwunden


Interface Inc. stellt auch Vinylfliesen her. / Foto: Interface

Als in den Corona-Lockdowns weltweit viele Büros verwaist waren, verschoben Firmen geplante Renovierungen oder strichen sie gleich ganz. Darunter litt auch Interface: Der Umsatz brach 2020 um 18 Prozent auf 1,1 Milliarden US-Dollar ein. 2021 setzte das Unternehmen aber bereits wieder 1,2 Milliarden Dollar um. Etwas mehr als die Hälfte der Einnahmen kamen aus Nord- und Lateinamerika, der Rest aus Europa, Afrika, Asien und Australien.

2021 lag der Nettogewinn bei 55 Millionen Dollar. 2019 hatte Interface einen Gewinn von 79 Millionen Dollar erzielt, 2020 musste der Konzern wegen Sonderabschreibungen einen Verlust von 72 Millionen Dollar verbuchen. Die 2021 im Vergleich zu den Vor-Corona-Jahren etwas schwächere operative Gewinnmarge von 8,7 Prozent führt das Management vor allem auf deutlich höhere Kosten für Rohmaterialien, Löhne und Transport zurück.

Interface finanziert seine Produktion durch Kredite vor. Die Verbindlichkeiten summierten sich Ende 2021 auf knapp 1 Milliarde Dollar. Dem standen Vermögenswerte von 1,3 Milliarden Dollar gegenüber. Das Unternehmen wendet im Jahr knapp 30 Millionen Dollar für Kreditzinsen auf. Zum Jahresende 2021 verfügte Interface über einen Cash-Bestand von 97 Millionen Dollar.

2022 will Interface seinen Verschuldungsgrad deutlich senken. Zudem hat der Konzern aus Kostengründen seine Fabrik in Thailand geschlossen. Die dabei angefallenen Aufwendungen können das Jahresergebnis 2022 belasten. Beim Umsatz rechnet das Management in diesem Jahr mit einem Plus von 7 bis 9 Prozent.

Günstige Aktie, niedrige Dividende

Die Interface-Aktie ist an der US-Börse Nasdaq notiert. Seit 1990 hat sich der Kurs uneinheitlich entwickelt und schwankte stark. Auf Monatssicht hat die Aktie 5,2 Prozent eingebüßt, im Jahresvergleich liegt sie 6 Prozent im Plus. Auf fünf Jahre gesehen hat sie 31 Prozent an Wert verloren. Aktuell kostet die Aktie im Tradegate-Handel 12,20 Euro (Stand 19.4.2022, Handelsschluss). Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2022 liegt bei günstigen 10.

Die Interface-Aktien befinden sich fast vollständig in Streubesitz. Größter Aktionär ist der US-Finanzdienstleister Vanguard, der 10,5 Prozent der Anteile hält. An der Börse ist Interface derzeit 780 Millionen Dollar wert.

Das Unternehmen zahlt seit 1989 Dividenden. Zwischen 2010 und 2020 stieg die Quartalsdividende von 0,01 auf 0,065 Dollar je Aktie, seitdem liegt sie wegen der Corona-Pandemie wieder bei 0,01 Dollar je Aktie. Das entspricht beim momentanen Börsenkurs einer Dividendenrendite von 0,3 Prozent.

Fazit

Interface gehört zu den Nachhaltigkeits-Vorreitern in einer Branche, die lange von frischem Erdöl abhängig war. Finanziell steht das Unternehmen solide da, auch wenn die hohen Kreditkosten auf die Gewinnmarge drücken. Die Aktie hat sich in den letzten Jahren schlechter entwickelt als die Unternehmensgewinne und ist deshalb aktuell niedrig bewertet. Ein Investment-Thema für risikofreudige Anlegerinnen und Anleger mit langem Atem.

Interface Inc.: ISIN US4586653044 / WKN A1JYG7

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