Windanlage der Pacifico Renewables Yield AG in Sachsen. ECOreporter hat die Chefs des seit 2019 börsennotierten Grünstromerzeugers interviewt. / Foto: Unternehmen

  Erneuerbare Energie, Windenergie-Investments, Solarenergie-Investments

Interview mit Pacifico Renewables: Ein deutsches Yieldco für mehr Energiewende

Die Pacifico Renewables Yield AG (PRY) ist ein deutscher Wind- und Solarstromerzeuger mit Sitz in Grünwald nahe München. ECOreporter sprach mit den beiden Vorständen Martin Siddiqui und Christoph Strasser über Expansionspläne, eine besondere Unternehmensstruktur und die Chancen am deutschen Ökostrommarkt.

PRY entstand 2018, um das Stromerzeuger-Geschäft vom 2016 gegründeten Wind- und Solarprojektentwickler Pacifico Energy Partners abzutrennen. Seit November 2019 ist das Unternehmen an der Börse.

PRY versteht sich als deutsche Yieldco – das Modell stammt aus dem angelsächsischen Raum und meint börsennotierte Stromproduzenten mit hoher Dividendenausschüttung. Das Prinzip der Yieldcos hat ECOreporter hier vorgestellt. Um Risiken gering zu halten, ist bei Yieldcos das Geschäft mit dem Betrieb der Anlagen von der Projektentwicklung typischerweise getrennt.

Rund 63 Prozent der PRY-Aktien hält die Beteiligungsgesellschaft Pelion Green Future Alpha GmbH. Hinter dieser stehen die deutschen Unternehmer Alexander Samwer und Jeremias Heinrich. Die Brüder Samwer sind etwa durch Zalando und Rocket Internet bekannt geworden.

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ECOreporter: Herr Siddiqui, Herr Strasser, die Pacifico Renewables Yield AG hat vor kurzem ihre zweite Kapitalerhöhung seit dem Börsengang im November 2019 erfolgreich abgeschlossen, die Einnahmen sollen in einen Windpark in Polen investiert werden. PRY bezeichnet sich selbst als „auf den Kapitalmarkt zugeschnitten“ – heißt das, Sie wollen auch in Zukunft Kapitalmaßnahmen gezielt für die Finanzierung von Projekten nutzen?

Martin Siddiqui: Absolut. Diese Formulierung kam zuerst von einem Aktienanalysten und hat uns gut gefallen. Ein klassischer, großer Börsengang erschien uns für unser Geschäftsmodell nicht als richtige Lösung. Wir haben uns stattdessen für schrittweises Wachstum an der Börse entschieden, um zielgerichtet Kapital aufzunehmen, das auch umgehend investiert werden kann. Dabei haben wir uns an der Idee einer Yieldco orientiert, wie man sie aus dem angelsächsischen Raum kennt. Das heißt, die Entwicklung unserer Solar- und Windkraftanlagen ist vom Betrieb der Anlagen getrennt. Denn das Risiko bei der Entwicklung ist deutlich höher als beim Betrieb der Anlagen und aus unserer Sicht daher besser im privaten Kapital aufgehoben. Ein Kooperationsvertrag sichert uns aber weiterhin den prioritären Zugang zu den Anlagen der Pacifico Energy. Das Yieldco-Modell mit der Auslagerung der kommerziellen Betriebsführung ist letztlich ein sehr gut skalierbares und schlankes Geschäftsmodell, das hervorragend an die Börse passt. Unsere Vision ist es, durch dieses klare Unternehmensprofil zusätzliche finanzielle Ressourcen in den Bereich der erneuerbaren Energien zu lenken und somit die Energiewende weiter voranzutreiben.

Wie wichtig ist die Pelion Green Future Alpha GmbH als Ankeraktionär für diese Strategie?

Siddiqui: Sehr wichtig. Denn natürlich muss man sich die Frage stellen: Wenn dieses Unternehmensprofil so geradlinig ist, warum hat es vor uns noch keiner gemacht? Darum ist der Ankeraktionär wahnsinnig wichtig: Zum einen ist der Aufbau eines Anlagenportfolios mit großem Kapitaleinsatz verbunden und bindet dieses langfristig. Und zum anderen ist es natürlich schwierig, über Kapitalmaßnahmen wachsen zu wollen, wenn man nicht im Hintergrund einen Ankeraktionär hat, der diese Maßnahmen mitzeichnet und uns Transaktionssicherheit gibt.

Yieldcos stehen für hohe Dividendenzahlungen. Welche Dividendenquote strebt Pacifico Renewables an?

Siddiqui: Hier arbeiten wir ebenfalls mit einer Kennzahl der Yieldcos aus dem angelsächsischen Raum, dem „cash available for distribution“ (als „zur Ausschüttung verfügbares Bargeld“ wird der Kassenbestand eines Unternehmens bezeichnet, der für Dividendenzahlungen zur Verfügung steht. Der Wert wird berechnet, indem von den Betriebsmitteln die wiederkehrenden Kapitalkosten abgezogen werden - Anm. d. Red.). Davon werden oft mehr als 80 Prozent ausgeschüttet. Hier haben wir uns entschieden, mittelfristig mit einer Ausschüttungsquote von 40 bis 60 Prozent zu arbeiten. Damit wollten wir zum Ausdruck bringen, dass wir gegenüber den angelsächsischen Yieldcos ein konservativeres Ausschüttungsziel verfolgen – auch weil wir aufgrund der Endlichkeit unserer Anlagen der Thesaurierung einen höheren Wert beimessen.

Und wann rechnen Sie damit, die Gewinnzone zu erreichen?

Siddiqui: Wir haben auf Gruppenebene im ersten Halbjahr 2020 erstmals einen Halbjahreskonzernüberschuss verzeichnet. Auf der AG-Ebene stehen unserem Geschäft natürlich auch immer wieder Transaktionskosten gegenüber. Weil wir in den nächsten zwei, drei Jahren dem Wachstum eine höhere Relevanz beimessen als der Ausschüttung, ist die Dividende dieses Jahr voraussichtlich kein Thema. Und auch für die Zukunft wollen wir uns, wenn wir Wachstumsmöglichkeiten sehen, im Interesse unserer Aktionäre nicht heute schon festgelegt haben, wann wir das erste Mal ausschütten. Aber langfristig gehört die Dividende natürlich zu unserem Geschäftsmodell.

Ihr Anlagen-Portfolio umfasst derzeit 81 Megawatt, bis 2023 soll es auf 400 Megawatt anwachsen. Ein engagiertes Ziel. Was für Risiken sehen Sie auf dem Weg dorthin?

Christoph Strasser: Das hat sich in letzter Zeit ein Stück weit gewandelt. Anfangs sahen wir die Risiken vor allem darin, in einem sehr umkämpften Markt langfristig Zugang zu ausreichend guten Projekten zu haben. Mittlerweile ist es so, dass wir viele Möglichkeiten im Markt sehen. Wir stehen nun eher vor der Herausforderung, wie wir Projekte bestmöglich finanzieren können. Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir das 400-Megawatt-Ziel bis Ende 2023 erreichen können.


Im niederländischen Oud Gastel betreibt PRY Solaranlagen auf dem Dach einer Produktionshalle. PRY investiert nur in der EU, der Schweiz und Norwegen. / Foto: Unternehmen

Sie verweisen auf eine Projektpipeline mit einem Umfang von über 600 MW bei Ihrem Projektentwicklungs-Partner, der Pacifico Energy Partners GmbH.

Strasser: Hier haben wir einen gewissen Puffer, um Verzögerungen tolerieren und uns darüber hinaus die besten Projekte aussuchen zu können. Daneben richten wir den Fokus aber auch immer mehr auf die Zusammenarbeit mit weiteren Projektentwicklern. Denn wir sehen großes Potenzial darin, uns auch für kleinere Entwickler als Plattform zum Kapitalmarkt zu entwickeln. Hier haben wir Anfang November bereits einen schönen Erfolg gefeiert durch die erfolgreiche Zusammenarbeit mit einem kleinen Entwickler in Rheinland-Pfalz. Wir führen auch bereits weitere Gespräche und hoffen, mittelfristig weitere Partnerschaften schließen zu können.

Wie abhängig sind Sie von Pacifico Energy als Projektentwickler?

Strasser: Das Problem einer möglichen zu großen Abhängigkeit haben wir früh adressiert und deshalb drei ganz klare Wachstumskanäle identifiziert: Erstens unsere strategische Partnerschaft als Herzstück. Zweitens die Zusammenarbeit mit weiteren Projektentwicklern. Und drittens der Sekundärmarkt. Zwei von drei Transaktionen in diesem Jahr waren unabhängig von der Entwicklungstätigkeit unseres strategischen Partners. Somit haben wir uns von Anfang an breiter aufgestellt, weil wir das Risiko einer zu starken Abhängigkeit auch sehen – auch wenn wir die Zusammenarbeit mit den Kollegen sehr schätzen und diese hervorragende Arbeit leisten. Aber Diversifizierung von Risiken ist immer etwas Gutes.

Wie schätzen Sie ihre Position gegenüber Konkurrenten wie Encavis bei der Windkraft oder am Photovoltaikmarkt 7C Solarparken ein, die ebenfalls weiter deutlich wachsen wollen?

Siddiqui: Im Vergleich zu Wettbewerbern stehen wir als Neuling am Kapitalmarkt noch am Anfang unserer Reise. Wo wir uns unterscheiden wollen, ist in der Klarheit unseres Geschäftsmodells, jedoch geografisch und technologisch diversifiziert, und in der zielgerichteten Kapitalaufnahme. Und natürlich in der Art, wie wir Projekte akquirieren wollen, durch strategische Partnerschaften, durch den Plattform-Gedanken. Wir sind vielleicht als Unternehmen noch ein bisschen zu jung, um zu sagen, was wir besser machen. Aber wir können sagen, was wir anders machen.

Strasser: Wir haben ein leicht anderes Profil, was zum Beispiel den Ländermix betrifft und auch den Technologiemix. Uns ist es wichtig, sowohl Photovoltaik als auch Onshore-Wind in unserem Portfolio zu haben. Beim Ländermix schauen wir bewusst auf Länder, die noch am Anfang ihrer Energiewende stehen wie jetzt Polen – das sind für uns sehr zukunftsträchtige Märkte, auf die wir auch setzen wollen.

Siddiqui: Das ist vielleicht eine schöne Zusammenfassung: ein technologisch-geografisch diversifiziertes Portfolio in einem klaren und einfachen Geschäftsmodell.

Wie sehen Ihre mittelfristigen Ziele in Deutschland aus? Hierzulande tut man sich ja bekanntlich etwas schwer mit dem Windkraftausbau an Land.

Strasser: Deutschland ist nicht nur unser Heimatmarkt, sondern mit derzeit ungefähr 65 Megawatt auch unser Kernmarkt. Vor allem im Windbereich sehen wir beim Repowering (dem Ersetzen älterer Kraftwerksteile durch neue, leistungsfähigere - Anm. d. Red.) Möglichkeiten, mit denen wir uns beschäftigen – einige unserer Anlagen sind ja schon etwas älter und stehen kurz vor dem Auslauf der Einspeisevergütung. Die größten Wachstumschancen sehen wir allerdings derzeit eher in Märkten wie Polen.

Herr Siddiqui, Herr Strasser, vielen Dank für das Gespräch!


Martin Siddiqui (o.) und Christoph Strasser leiten gemeinsam die Pacifico Renewables Yield AG. / Foto: Unternehmen

Martin Siddiqui studierte Volkswirtschaftslehre auf Diplom an der Universität Mannheim und promovierte im Bereich angewandter Makroökonomik an der privaten Zeppelin Universität in Friedrichshafen am Bodensee.

Christoph Strasser studierte BWL in Mannheim und besitzt einen Master in Management der Universität Mannheim und der französischen ESSEC Business School.

Beide arbeiteten für die deutsche Tochter der US-Großbank J.P. Morgan Chase und betreuten unter anderem deutsche Firmen bei nachhaltigen Finanzierungsmodellen. Seit Oktober 2019 sind Siddiqui und Strasser Co-CEOs der Pacifico Renewables Yield AG.

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