Sandra Reich ist unter anderem Dozentin für Sustainable Finance. / Foto: Sandra Reich

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Klimastresstest: Warum Finanzhäuser nun Risiken des Wandels bewerten müssen (Interview)

Die Finanzaufsichtsbehörden verlangen von vielen professionellen Investoren mittlerweile, dass sie untersuchen, wie sich der Klimawandel auf ihre Geldanlagen auswirkt. Was passiert etwa mit den Investments einer betrieblichen Altersversorgung, wenn die Klimakrise weiter derart schnell voranschreitet? „Klimastresstests“ müssen die Finanzhäuser anstellen. ECOreporter hat die Expertin Dr. Sandra Reich um Erläuterung und Einschätzung dazu gebeten.

Reich ist Bankkauffrau und Wirtschaftsrechtlerin. Seit 2018 arbeitet sie als Unternehmensberaterin in München. Davor war sie unter anderem lange Jahre Geschäftsführerin der Börsen Hamburg und Hannover. Aktuell ist sie auch Aufsichtsrätin und Beirätin sowie Dozentin für „Sustainable Finance“ an der Munich Business School.

ECOreporter: Frau Reich, nun gibt es Klimastresstests für Portfolien. Wer muss da was testen?

Dr. Sandra Reich: Ein „Klimastresstest“ ist beispielsweise gerade ein Analyseschwerpunkt der Europäischen Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung, abgekürzt EIOPA (englisch European Insurance and Occupational Pensions Authority), mit Sitz in Frankfurt. Mit dem Klimastresstest 2022 richtet sich die Behörde an die Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung, kurz als EbAVs bezeichnet. Es soll geprüft werden, wieweit EbAVs gegenüber dem Klimawandel widerstandsfähig sind. Die Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorgestellt werden.

Gibt es so etwas auch für Kreditinstitute?

Ja, hier hat die Europäische Zentralbank im Januar 2022 einen aufsichtlichen Stresstest zu Klimarisiken eingeleitet. Die Tests sollen im ersten Halbjahr 2022 durchgeführt werden. Laut EZB zielt der Stresstest auf Risikopositionen und Einkommensquellen ab, die für Klimarisiken besonders anfällig sind. Die EZB will ihre Ergebnisse bereits im Sommer veröffentlichen.

Ist so ein Stresstest in Bezug auf Klimaauswirkungen etwas Neues für Banken, Versicherer und Kapitalverwaltungsgesellschaften?

Nicht ganz. In ihrem „Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken“ ging die BaFin, also die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, schon vor einiger Zeit explizit darauf ein, dass sie von den beaufsichtigten Unternehmen erwartet, Nachhaltigkeitsrisiken in Stresstests in geeigneter Weise zu integrieren. Das Merkblatt ist keine Richtlinie oder Verwaltungsanweisung. Trotzdem erwartet die BaFin von den beaufsichtigten Institutionen, dass sie sich zum Beispiel mit Umweltrisiken individuell und konkret auseinandersetzen. Zu einem umfassenden Risikomanagement gehört unter Wahrung der Proportionalität heutzutage auch die Durchführung von Klimastresstests.

Was bedeutet so ein Klimastresstest inhaltlich? Was ergibt der Test im besten Fall für einen Nutzen für die Anlageseite?

Die Klimastresstests von EIOPA und EZB basieren auf Szenarien, die vom NGFS, dem Network for Greening the Financial System, entwickelt wurden. So wird beispielsweise die Situation untersucht, dass es ganz plötzlich und ungeordnet einen Übergang zur Klimaneutralität gäbe. Eine Ursache könnten verzögerte politische Maßnahmen sein, die am Ende in einen starken Anstieg der CO2-Preise münden und so Transitionsrisiken auslösen.

Grundsätzlich dienen Klimastresstests - egal ob im Kredit- oder Anlageportfolio - dazu, umwelt- und insbesondere klimabezogene Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu managen und zu überwachen. Je genauer dies möglich ist, desto besser kann man den Gefahren rechtzeitig und überlegt begegnen.

Über Klimastresstests kann ermittelt werden, wie sich bestimmte potenzielle Ereignisse und verschiedene Klimaszenarien auf ein Unternehmen bzw. Portfolio und damit auf die finanzielle Performance über einen längeren Zeitraum hinweg auswirken. Die intensive Auseinandersetzung damit fördert insbesondere ein Verständnis für die Wirkung von veränderten Umwelt- und Klimabedingungen auf Unternehmen.

Sind die Institute, Kapitalverwaltungsgesellschaften oder EbAVs selbst für die Ausgestaltung ihrer Risikomanagementsysteme inklusive Szenarioanalysen und Stresstests verantwortlich?

Ja. Es können aber zusätzlich zu den internen Methoden auch Tools und Instrumente von Verbänden oder externen Dienstleistern hinzugezogen werden. Dementsprechend sind unterschiedliche Schwerpunkte möglich. Auch Eintrittswahrscheinlichkeiten oder die Höhe von potenziellen Auswirkungen können unterschiedlich eingeschätzt werden. Entscheidend ist unter anderem, ob die getroffenen Annahmen plausibel und die verwendeten Daten belastbar sind oder die Szenarien zum Geschäftsmodell passen.

Wo liegt der Nutzen oder der gewünschte Vorteil der Klimastresstests für das Klima selbst?

Mit einer intensiven Auseinandersetzung zu Klimarisiken im Portfolio steigt grundsätzlich das Bewusstsein der Investoren für potenzielle Gefahren. Ein komplexes Thema wie der Klimawandel und seine Folgen wird somit etwas stärker aus seiner Abstraktheit geholt und konkret für ein bestimmtes Portfolio greifbarer gemacht.

Die Analyse der Risiken ermöglicht es Banken, Versicherern und Kapitalverwaltungsgesellschaften, diese zukünftig besser zu steuern. Das bedeutet nicht automatisch, dass beispielsweise Unternehmen mit einem hohen CO2-Anteil aus einem Portfolio kurzfristig verkauft werden müssen. Die Analyse kann vielmehr Anlass sein, sich intensiv mit Nachhaltigkeitsstrategien verschiedener Unternehmen im Portfolio zu befassen oder in den Dialog mit den Unternehmensvertretern zu gehen, um sich die geplanten Maßnahmen für eine CO2-Reduzierung erklären zu lassen.

Es könnte aber auch als Ergebnis für die Portfoliosteuerung festgelegt werden, dass zukünftig bestimmte Geschäftsfelder bzw. umambitionierte Unternehmen untergewichtet werden oder Finanzierungen bzw. Investitionen an ökologische oder soziale Bedingungen geknüpft werden. Damit könnten sowohl potenzielle Risiken gesenkt als auch nachhaltiges Wirtschaften gefördert werden.

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