Das Twike 5, mit Tempo bis 190 km/h – wie sicher sind Fahrzeug und Geldanlage? ECOreporter hat analysiert und liefert eine Einschätzung. / Foto: Unternehmen

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Twike: Neues Elektro-Dreirad, neue Geldanlage mit 5 Prozent Zins - was steckt dahinter?

Die Twike GmbH hat ein Elektrofahrzeug auf drei Rädern entwickelt, dessen Antrieb mit Muskelkraft unterstützt werden kann. Um das nachhaltige Projekt bis zum Markteintritt zu finanzieren, bietet das Unternehmen aus Hessen Nachrangdarlehen an, die Anlegerinnen und Anleger ab 100 Euro zeichnen können. Der Zins beträgt 5 Prozent pro Jahr bei einer Laufzeit von rund fünf Jahren. ECOreporter hat zu wichtigen Punkten bei Twike nachgefragt und die grüne Geldanlage bewertet.

Nach Angaben der Emittentin Twike GmbH hat mit dem neuen Modell Twike 5 die „Energiewende drei Räder, Platz für zwei Personen und wiegt keine 500 kg“. Das Twike 5 ist ein batterieelektrisch betriebenes Dreiradfahrzeug mit integriertem Pedalgeneratorsystem. Eine Batterieladung reicht nach Angaben der Emittentin für bis zu über 600 Kilometer.

Der Antrieb kann zudem mit Muskelkraft unterstützt werden. Wenn der Fahrer in die Pedale tritt, wird die Batterie entlastet, die Reichweite steigt. Beim Twike 5 erzeugt Muskelkraft so elektrische Energie, während beim vor rund 25 Jahren entwickelten Modell Twike 3 die Antriebswelle mechanisch unterstützt wird.

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Wozu dient das Anlegerkapital?

Das einzuwerbende Crowdinvesting-Kapital von bis zu 6 Millionen Euro plant die Emittentin laut Vermögensanlagen-Informationsblatt (VIB, Stand: 8.9.2020) insbesondere in den Bau von Prototypen des Twike 5, Mustertests für die Auswahl von Lieferanten, den Umbau der Werkstatt, das Durchlaufen des Zulassungsprozesses für den Straßenverkehr, den Aufbau von Vertriebszentren und die Anschaffung von Werkzeugen und Materialien für die Produktion zu investieren.

Die Umsetzung des Projekts hat laut VIB bereits begonnen, das Twike 5 befinde sich in der finalen Entwicklungsphase und wurde bereits von über 1.000 Kundinnen und Kunden unverbindlich reserviert. Nach Markteinführung des Twike 5 soll mit der Entwicklung des Nachfolgemodells Twike 6 begonnen werden.

Welche Vorteile bietet das Twike 5?

Das Twike 5 ist schwerer als das Twike 3. Trotzdem ist aber nach Angaben der Emittentin der Verbrauch des Twike 5 gegenüber dem Twike 3 bei gleichem Fahrprofil geringer. Darüber hinaus hat das Twike 5 weitere Vorteile im Vergleich zum Twike 3. Dazu gehören nach Angaben der Emittentin unter anderem: höhere Leistung, Geschwindigkeit (190 km/h) und Beschleunigung (von 0 auf 100 km/h in vier Sekunden), Schnelllademöglichkeit, bidirektionales Laden, Kofferraumöffnung, besserer ergonomischer Einstieg, intuitivere Lenkung, Pedalgenerator (integrierte Fitnesseinheit mit elektronischer Auswertemöglichkeit), verbessertes Sicherheitskonzept, Autobahntauglichkeit.


Fragen an Martin Möscheid, Geschäftsführer der Twike GmbH

ECOreporter: Herr Möscheid, In einem Artikel der FAZ aus dem Mai 2019 heißt es: „Nachdem zunächst jährlich rund 50 Twikes pro Jahr in Rosenthal in Handarbeit entstanden, sind es zurzeit noch zehn.“ Wie erklären Sie sich diesen Verkaufsrückgang?

Martin Möscheid: Das Produkt Twike 3 hat für ein Straßenfahrzeug eine ungewöhnlich lange Produktionszeit genießen können, ist aber jetzt nach 25 Jahren eindeutig jenseits seines Verkaufszenits. Interessenten für ein hochpreisiges Twike 3 leiten wir schon seit längerer Zeit mit unserer eigenen Kommunikation auf das Twike 5, und bei Interesse an einer preisgünstigeren Variante bereits auf das Twike 6.

Warum wird bereits das Modell Twike 6 entwickelt, obwohl das Twike 5 noch nicht hergestellt wurde?

Das Twike 6 ist entwicklungstechnisch sehr nah angelehnt an das Twike 5. Praktisch entwickeln wir das 6er Modell und leiten daraus die Performance-Version 5 in einer limitierten Serie ab. Wir geben uns damit die Möglichkeit, auf teure Werkzeuge für die größere Serie anfänglich zu verzichten und dafür jedoch mit hochwertigeren Bauteilen die Kleinserie aufzuwerten. Von den initialen Entwicklungskosten profitieren somit beide Modelle. Die frühere Markteinführung des leistungsfähigeren 5er Modells erlaubt uns zugleich schon, das Folgemodell 6 zu bewerben.

Warum hat die Emittentin Twike GmbH noch keinen Jahresabschluss für ihr Geschäftsjahr 2019 im Bundesanzeiger veröffentlicht?

Die Schwarmfinanzierung haben wir erst vor wenigen Wochen begonnen, der Jahresabschluss ist in Arbeit und soll vor Ende des Jahres zur Verfügung stehen.

Die bilanzielle Überschuldung der Emittentin ist in den letzten Jahren gestiegen. Laut Jahresabschluss 2018 betrug der nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag der Twike GmbH rund 1,3 Millionen Euro bei einer Bilanzsumme von rund 2,1 Millionen Euro. Wie hoch werden nach Ihrer aktuellen Schätzung die Fehlbeträge für 2019 und 2020 sein?

Wir gehen derzeit von einem Fehlbetrag von ca. 1,6 Millionen Euro für das Geschäftsjahr 2019 und von einem Fehlbetrag von ca. 2,4 Millionen für 2020 aus.

Laut Jahresabschluss 2018 betragen die Verbindlichkeiten der Twike GmbH rund 2,1 Millionen Euro, davon rund 0,6 Millionen Euro gegenüber Gesellschaftern. Welcher Art sind die übrigen Verbindlichkeiten von rund 1,5 Millionen Euro?

Im Wesentlichen sind es Nachrangdarlehen.

Die Vermittlung Ihres Crowdinvesting-Angebots erfolgt hauptsächlich über die Online-Plattform www.twike.investments. Erfahrungsgemäß ist die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Platzierung deutlich höher, wenn die Vermittlung auch über eine der bekannten Online-Plattformen für nachhaltige Investments erfolgt. Warum ist Ihr Angebot nicht auf einer dieser Plattformen eingestellt? Haben Sie mit Plattformbetreibern über eine Aufnahme verhandelt?

Nein, wir haben mit keinen Plattformbetreibern verhandelt. Wir wollen mit der eigenen Plattform ganz gezielt eine am Twike interessierte Community ansprechen. Daher der Fokus auf die eigene Plattform.

Der Zinssatz für das angebotene Nachrangdarlehen ist mit 5,0 Prozent pro Jahr für Risikokapital gering. Warum haben Sie nicht einen Zinssatz mit einer zusätzlichen erfolgsabhängigen Komponente angeboten?

Da wir selbst die Risiken des Unternehmens als niedrig beurteilen, erachten wir die Höhe des gewährten Zinses als fair. Die zusätzliche erfolgsabhängige Komponente haben wir in diesem Angebot nicht berücksichtigt, weil wir eher die Idee durch eine unterstützende Community getragen wissen wollen und weniger ein Investmentspiel in unserem Angebot sehen. Das Produkt und das Unternehmen sollen nicht mit maximierter Rendite, sondern durch ihren praktischen Wert für Nutzer und Umwelt überzeugen.

Der geplante Kaufpreis (ohne optionale Zusatzausstattungen) für das Twike 5, das 2021 produziert werden soll, ist mit rund 40.000 Euro (Reichweite bis 250 km) bis rund 50.000 Euro (Reichweite bis 500 km) relativ hoch. Die Kapitalausstattung der Twike GmbH laut Jahresabschluss 2018 wäre voraussichtlich nicht ausreichend, um höhere Stückzahlen produzieren und damit den Verkaufspreis für das Twike so weit senken zu können, dass er einen größeren Markt erreichen kann. Ist es für Sie eine Option, Unternehmensanteile an einen Großinvestor zu veräußern, um so infolge einer besseren Kapitalausstattung die Produktion ausweiten zu können?

Ja, wir möchten mit besserer Kapitalausstattung höhere Produktions- und Verkaufszahlen erreichen. Und wir sehen auch die langfristig angestrebte Stückzahl von 10.000 pro Jahr mit dem Twike 7 im Vergleich zur etablierten Automobilindustrie weiterhin als Nische. Unternehmensanteile dafür zu verkaufen, nehmen wir in Kauf, jedoch streben wir vorerst nicht an, diese mehrheitlich zu veräußern, um die aus unserer Sicht entscheidenden Attribute dieses Nischenproduktes – spezieller Fokus auf Effizienz und Fitness – nicht zu verlieren.

Wer sind nach Ihrer Einschätzung ihre größten Konkurrenten?

Wir sehen aktuell tatsächlich keine direkten Wettbewerber. Das Twike passt auch gut neben einen Tesla in die Garage und ist in seiner Kombination – elektrisch, Effizienz, Ganzjahresnutzung, zwei Personen, Gepäck, langstreckentauglich, stadttauglich, ökologisch korrekt und zu allem noch ein Fitnessgerät – nach wie vor einzigartig.

Herr Möscheid, vielen Dank für das Interview!

Martin Möscheid

... ist ausgebildeter Kfz-Mechatroniker und studierte in Kassel Maschinenbau. Kurz darauf entwickelte er seine Leidenschaft für Liegefahrräder mit Elektromotor. Mittlerweile ist er Geschäftsführer der Twike GmbH und passionierter Twike-5-Fahrer.


Martin Möscheid, Geschäftsführer von Twike. / Foto Unternehmen

Geschichte des TWIKE

Erfunden wurde das Fahrzeug von Studenten der ETH Zürich für die Weltausstellung in Vancouver 1986. Aber bis zum heutigen TWIKE war noch ein weiter Weg...
Das "Ur-TWIKE" ist ein zweisitziges Fahrrad mit Karosserie. Das 50 Kilo schwere Fahrzeug kann per Pedalantrieb auf eine Geschwindigkeit bis zu 50 km/h beschleunigt werden. 
In den Jahren 1991 und 1995 wurden das TWIKE 2 und 3 herausgebracht. Auch weitere Meilensteine wie neu entwickelte Akkus mit mehr Reichweite, lange Fahrten von Bern über das Baltikum ans Nordkap und über Skandinavien wieder zurück, folgten schnell.
Mittlerweile wird das prämierte Fahrzeug in Deutschland entwickelt, feierte 2015 sein zwanzigjähriges Jubiläum und hat sich erfolgreich unter den Elektrofahrzeugen etabliert.


Das Twike 5 fährt auch mit Muskelkraft. / Foto: Unternehmen

Platzierungsziel 6 Millionen Euro

Die Emittentin möchte das eingeworbene Kapital in den Ausbau ihrer Produktion und die Entwicklung der von ihr entworfenen Kleinserien-Elektrofahrzeuge investieren. Die Mittel, die durch das Crowdinvesting eingeworben werden, reichen laut VIB zur Umsetzung des Vorhabens aus, falls das Emissionsvolumen von 6 Millionen Euro erreicht wird.

Derzeit sind rund 264.000 Euro platziert (Stand: 16.11.2020). Falls die geplanten 6 Millionen Euro nicht erreicht werden sollten, wird sich die Emittentin laut VIB um eine anderweitige Fremdfinanzierung bemühen, etwa durch die Vorfinanzierung des Kaufpreises durch Kundinnen und Kunden in Form von Kaufpreis-Anzahlungen, oder das Projekt in geringerem Ausmaß bzw. geringerer Geschwindigkeit umsetzen.

Operative Risiken

Unter anderem auch folgende Faktoren können sich laut VIB nachteilig auf die Emittentin und ihr Vorhaben auswirken: starke Abhängigkeit von der Batterietechnologie und von entsprechenden Zulieferern überwiegend aus dem asiatischen Raum, Zahlungs- und Leistungsfähigkeit von Kunden und Lieferanten, Funktionsfähigkeit von Lieferketten (insbesondere auch in Zeiten der Covid-19-Pandemie), Veränderungen der Rahmenbedingungen wie insbesondere der geltenden Zulassungsvoraussetzungen für neu entwickelte Leichtkraftfahrzeuge, eine Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage und ein dadurch bedingter Einbruch des Verbrauchervertrauens, Einstieg kapitalstärkerer Wettbewerber (etwa von Automobilkonzernen) in den Markt für Elektro-Leichtfahrzeuge. Vorrangiges Fremdkapital hat die Emittentin unabhängig von ihrer Einnahmesituation zu bedienen. Die Emittentin kann zahlungsunfähig werden oder in Überschuldung geraten.

Fazit

Beim Elektro-Leichtfahrzeug Twike 5 handelt es sich um eine innovative Entwicklung, die nachhaltige Mobilität ermöglicht. Sie hat das Potenzial, langfristig größere Stückzahlen am Markt absetzen zu können. Auf dem Weg dahin benötigt die Emittentin zunächst weiteres Kapital, das von Crowdinvestoren eingeworben werden soll.

Für diejenigen überzeugten Mitglieder der Twike-Community, die sich ein Twike 5 für 50.000 Euro leisten können und dieses neben ihren – auch nicht so preisgünstigen – Tesla in die Garage stellen, mag es finanziell vertretbar sein, die Emittentin mit einem drei- bis vierstelligen Betrag zu unterstützen. Für Kleinanlegerinnen und Kleinanleger, die bei einer Geldanlage hauptsächlich auf deren Rendite-Risiko-Verhältnis achten, ist das Crowdinvesting dagegen weniger überzeugend. Zumindest ist es für sie ratsam, die Veröffentlichung des Jahresabschlusses 2019 der Emittentin abzuwarten.

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