Braunkohlekraftwerk im Rheinland. Viele Staaten wollen raus aus der Kohle - die meisten Kohlefirmen hingegen nicht. / Foto: Fotolia, Imaginis

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urgewald-Studie: 1.000 Kohleunternehmen verweigern sich der Klimawende

Überall ist vom Kohleausstieg die Rede. In der Kohlebranche selbst planen aber nur sehr wenige Unternehmen, ihre klimafeindlichen Geschäfte einzustellen. Viele wollen offenbar sogar weiter mit Kohle wachsen.

Gemeinsam mit 40 anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hat der Umwelt- und Menschenrechtsverein urgewald aus dem nordrhein-westfälischen Sassenberg ein Update der „Global Coal Exit List“ (GCEL) veröffentlicht. Es handelt sich dabei um die weltweit umfassendste öffentliche Datenbank zur Kohleindustrie.   

Fast 50 Prozent der Kohleindustrie weiter auf Expansionskurs  

Seit dem Pariser Klimaabkommen 2015 ist die weltweit installierte Kohlekraftwerkskapazität laut den NGOs um 157 Gigawatt (GW) gestiegen – dies entspreche dem aktuellen Kohlekraftwerksbestand von Deutschland, Russland, Japan und der Türkei zusammen. Und nach wie vor seien bis zu 480 GW an neuer Kohlekraftwerkskapazität sowie neue Kohlebergbauprojekte mit über 1.800 Millionen Tonnen jährlicher Förderkapazität in Planung. Wenn diese Projekte tatsächlich realisiert würden, stiege die weltweite installierte Kohlekraftwerkskapazität um 23 Prozent und die Produktion von Kraftwerkskohle um 27 Prozent.

Von den 1.030 in der GCEL gelisteten Unternehmen planen 503 Unternehmen nach Recherchen der NGOs noch immer die Entwicklung neuer Kohlekraftwerke, Kohleminen oder Kohletransportinfrastruktur. „Die Bereitstellung von Kapital und Dienstleistungen für diese Unternehmen durch Versicherer, Investoren und Banken ist ein Garant für den unkontrollierbaren Klimawandel. Die Finanzwelt muss sich unverzüglich von diesen Firmen trennen“, fordert Heffa Schücking, Geschäftsführerin von urgewald, und ergänzt: „Sonst wird es unmöglich sein, rechtzeitig aus der Kohle auszusteigen.“

Weniger als 5 Prozent der Kohlefirmen nennen ein Ausstiegsdatum

Es reicht jedoch nicht aus, wenn Kohleunternehmen ihre Expansionspläne aufgeben. Sie müssen ihre Geschäfte mit der Kohle bis 2030 weitestgehend einstellen, damit die im Pariser Klimaabkommen festgelegte Grenze von 1,5 °C Erderwärmung nicht überschritten wird. Bislang haben laut urgewald & Co. jedoch nur 49 der 1.030 Unternehmen in der GCEL einen Termin für den Kohleausstieg angekündigt – und in einem Drittel der Fälle ist dieser Termin viel zu spät. Ein prominentes Beispiel ist die Essener RWE AG mit 2038 als Ausstiegsdatum. RWE klagt in den Niederlanden sogar gegen den nationalen Kohleausstieg, der für 2030 vorgesehen ist.

Andere Konzerne wie beispielsweise Anglo American oder BHP schließen nach Recherchen der GCEL-NGOs ihre Kohlestandorte nicht, sondern gliedern sie aus oder verkaufen sie an andere Firmen wie den Schweizer Rohstoffgiganten Glencore, die sie dann weiterbetreiben. Glencore ist der neuntgrößte Kohleminenentwickler der Welt und will sein Portfolio noch um 45 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr erweitern.

„Unternehmen wie Anglo American und BHP reden zwar von Dekarbonisierung, aber durch Verkäufe wird keine einzige Tonne CO2 eingespart. Finanzinstitute wie Commerzbank oder Deutsche Bank müssen von ihren Kunden echte Transformationspläne verlangen, nach denen Kohleanlagen rasch stillgelegt werden, anstatt sie bloß an neue Betreiber zu verkaufen“, sagt urgewald-Geschäftsführerin Schücking.

Die meisten Banken haben keine strengen Kohlerichtlinien

Schücking sieht bei vielen Banken bislang nicht den Willen, die Klimawende konsequent voranzutreiben: „Viele Finanzinstitute rechtfertigen ihre fortwährende Unterstützung der Kohleindustrie mit der Behauptung, ihren Kunden bei der Transformation helfen zu wollen. Unsere Untersuchungen zeigen jedoch, dass die überwiegende Mehrheit der Unternehmen auf der GCEL eine Transformation verweigert.“

Nach Angaben der NGO Reclaim Finance haben mehr als 200 große Finanzinstitute noch keine Richtlinie zum Ausschluss von Kohle und rund 250 eine Kohlerichtlinie mit „erheblichen Schlupflöchern“. Nur 25 Finanzinstitute hätten derzeit solide Richtlinien, die die Mehrheit der Unternehmen in der GCEL ausschließt und von den verbleibenden Kunden verlangen, dass sie einen detaillierten Plan für die rasche Schließung ihrer Kohleanlagen vorweisen können.

Die GCEL 2021 kann unter www.coalexit.org heruntergeladen werden.

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