Raus aus der Kohle – aber wann? Die Klimastrategien der deutschen Vermögensverwalter Allianz, Deka, DWS und Union Investment zeigen manches Schlupfloch. / Foto: Pixabay

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Kein Geld für Kohle? Werbung und Wahrheit bei Allianz, Deka, DWS, Union Investment

Wie sehr achten Vermögensverwalter auf den Klimaschutz? In einer aktuellen Studie unter Beteiligung des deutschen Vereins urgewald haben Umweltschützer weltweit Investitionsrichtlinien unter die Lupe genommen, auch von deutschen Instituten. Das Ergebnis: Ernüchternd.

Laut der Studie mit dem Titel „Slow Burn: The asset managers betting against the planet“ (dt. etwa: „Langsame Verbrennung: Die Vermögensverwalter wetten gegen den Planeten“) formulieren zwar alle untersuchten 24 Finanzkonzerne langfristige Klimaziele. Doch in der Praxis gelingt nicht einmal der konsequente Ausschluss von Kohle. Die Vermögensverwalter Allianz, Deka, DWS und Union Investment im Realitätscheck:

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Allianz – Keine Regeln für fremdes Geld

Die Allianz in der Selbstdarstellung:

Die Allianz ist Europas größter Vermögensverwalter. „Die Allianz Gruppe baut ihre Klimastrategie deutlich aus und bekennt sich dazu, den globalen Wandel zur kohlenstoffarmen Wirtschaft in den kommenden Jahrzehnten aktiv mitzugestalten“, heißt es auf der Website des Finanzkonzerns. „Bis zum Jahr 2040 sollen kohlebasierte Geschäftsmodelle im Kundenportfolio in der Versicherung und in der Anlage der Versichertengelder schrittweise auslaufen.“

Die Realität:

Zwar will die Allianz bis 2040 aus der Kohle aussteigen. Noch aber darf in Konzerne investiert werden, wenn deren Umsatz mit der Förderung von Kohle unter 30 Prozent liegt. 2023 soll diese Umsatzschwelle auf immer noch sehr hohe 25 Prozent sinken. Vor allem aber: Ihre Kohlerichtlinie wendet die Allianz-Gruppe nur auf das Geld an, das sie für sich selbst verwaltet!

Das meiste Geld, das die Allianz anlegt, ist aber eben nicht ihr eigenes. Dreimal so viel Geld verwaltet die Allianz für andere. Und genau für dieses riesige verwaltete Vermögen gelten die Kohle-Richtlinien der Allianz gar nicht.


Die Allianz wendet ihre Kohlerichtlinie nicht auf Geld an, das sie für Dritte verwaltet. / Foto: Unternehmen

Immerhin: Ihre Richtlinien für das Versichern von Kohle-Konzernen verschärfte die Allianz Anfang Mai dieses Jahres: Bisher wurden Unternehmen von einer Versicherung nur dann ausgeschlossen, wenn sie mindestens 25 Prozent ihres Stroms aus Kohle gewinnen und mindestens 5 Gigawatt installierte Kohle-Kraftwerkskapazität haben. Nun reicht bereits eine der beiden Bedingungen aus, um einen Firmenkunden ausschließen zu können.

Das hat konkrete Folgen: Die Allianz wird zum Ende des Jahres etwa ihre Verträge mit zwei tschechischen Kohlekraftwerken kündigen. Ab 2023 können sich Unternehmen, die neue Kohlekraftwerke bauen, generell nicht mehr bei der Allianz versichern. Viele andere Firmen, die Geld mit Kohle verdienen, bleiben aber weiterhin investierbar.

Deka – Viel Toleranz für Kohle

Die Deka in der Selbstdarstellung:

Die DekaBank ist das Wertpapierhaus der Deutschen Sparkassen, über Deka Investments wird eine breite Palette an Fonds angeboten. Seit dem 1. Mai 2020 gilt, dass „die aktiv gemanagten Publikumsfonds der Deka Investment nicht mehr in Unternehmen investieren dürfen, die ihren Umsatz zu mehr als 30 Prozent durch Kohleförderung oder zu mehr als 40 Prozent aus der Kohleverstromung erwirtschaften“. Dies gilt auch für Investments der DekaBank.

Bei den Deka-Nachhaltigkeitsfonds „gelten noch strengere Grenzen“. Dort sind Unternehmen, die Kohle fördern, „komplett ausgeschlossen“. Allerdings: „In Firmen, deren Umsatzanteil bei der Kohleverstromung unter 10 Prozent liegt, darf weiter investiert werden.“

Die Realität:

Die Umsatzschwellen von 30 Prozent für Investments in Kohleförderung und von 40 Prozent in Kohleverstromung sind sehr hoch gewählt. Viele Unternehmen werden so nicht ausgeschlossen.

Ein Beispiel: Der Anteil von Kohlestrom am Umsatz von RWE, laut urgewald „Europas größter Klimakiller“, betrug laut Geschäftsbericht 2020 „nur“ 23 Prozent. Der Anteil an Kohleförderung des Konzerns lag bei unter 5 Prozent. RWE unterschreitet die gesetzten Hürden also mühelos. Auch die „noch strengere“ Umsatzschwelle für Nachhaltigkeitsfonds ist mit 10 Prozent nicht besonders streng gewählt.

DWS – Sehr passiv

Die DWS in der Selbstdarstellung:

Die DWS ist die Vermögensverwalter-Tochter der Deutschen Bank. Das Unternehmen bekennt sich wortreich zu Nachhaltigkeit und ESG-Kriterien. ESG steht für die Leistung in den Bereichen Umwelt (E wie Environment), Soziales (S wie Social) und gute Unternehmensführung (G wie Governance). Die DWS weist nach eigener Darstellung „nur solche Produkte explizit als nachhaltige Investments oder ESG-Produkte aus, in deren Anlagepolitik rechtlich bindend festgehalten ist, dass bestimmte Nachhaltigkeitskriterien und Mindeststandards erfüllt werden“.

Der Vermögensverwalter hält es allerdings „für kontraproduktiv, ausgerechnet diejenigen [Unternehmen] auszuschließen, die sich in Sachen ESG besonders anstrengen“. Die DWS wendet daher eine eigens entwickelte Datenbankanalyse an, diese „ersetzt die oft beobachtete und eher rückwärtsgewandte Branchen-Praxis von Ausschlüssen ganzer Sektoren mit schlechten Nachhaltigkeitspraktiken durch einen Analyseprozess mit dem Fokus auf Chancen und Risiken“.

Die Realität:


Gerade passive Investments wie ETFs sind oft noch voller Kohle. / Foto: imago images, Jochen Tack

Die DWS hat bis heute keine öffentliche allgemeine Richtlinie zur Beschränkung von Investitionen in Kohle verabschiedet. Zwar wendet sie laut der neuen Klima-Studie auf alle als „nachhaltig“ gekennzeichnete Fonds Kohlekriterien unterschiedlicher Strenge an. Das betrifft laut urgewald aber nur etwa 10 Prozent des offiziell nach ESG-Kriterien gemanagten Vermögens.

Besonders wichtig: Kohleausschlüsse werden auch bei passiven Fonds, also insbesondere ETFs, nur auf die als „nachhaltig“ gekennzeichneten Produkte angewendet. Passive Investments machen aber mittlerweile rund ein Drittel des europäischen Fondsmarkts aus, die DWS ist hier ein wichtiger Anbieter. Insgesamt sind laut der Klima-Studie europaweit 13 Billionen Euro in passiven Produkten investiert – und von diesen wenden nur 2,5 Prozent Kohlekriterien an.

Union Investment – Die Strengsten

Die Union Investment in der Selbstdarstellung:

Die Union Investment ist die Investmentgesellschaft der genossenschaftlichen DZ Bank, ihre Fonds vertreibt sie über die Volks- und Raiffeisenbanken sowie die Bausparkasse Schwäbisch Hall. Das Unternehmen tätigt nach eigener Aussage „grundsätzlich keine Investitionen in Unternehmen, die an der Förderung und der Verstromung von Kohle beteiligt sind“. Allerdings wird im Kleingedruckten noch einmal präzisiert: „Ausschluss, wenn Umsatz über 5 Prozent aus Kohleförderung sowie Kohleverstromer, die keine glaubwürdige Klimastrategie vorweisen und mehr als 25 Prozent ihrer Energie mittels thermaler Kohle erzeugen.“ Hierzu wird ergänzt: „Diesen Grenzwert für die Kohleverstromung werden wir bis zum Jahr 2035 sukzessive auf null herabsenken, um bis 2050 Klimaneutralität erreichen zu können.“

Die Realität:

Union Investment hat trotz dieser insbesondere bei Kohlestrom großzügigen Umsatzschwelle laut der Klima-Studie aktuell die strengsten Ausschlusskriterien am deutschen Markt.

Fazit: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass – das scheint das Motto beim Kohleausstieg deutscher Vermögensverwalter zu sein. Hohe Umsatzschwellen und offene Hintertüren lassen jedenfalls genug Raum, um weiter zumindest in einige Konzerne aus dem Kohlesektor investieren zu können – etwa in RWE. Wie diesen Unternehmen geht es scheinbar auch den Vermögensverwaltern darum, den echten Ausstieg so lange hinauszuzögern, wie sich noch Geld mit fossilen Energien verdienen lässt.

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