Produziert der Solarpark Bellersdorf viel Strom, der teuer verkauft werden kann, steigt der Zins der neuen 7x7-Anleihe. / Foto: 7x7

  Anleihen / AIF, Crowd-Investment, Crowd-Test

Analyse: Solar-Anleihe Bellersdorf mit 0 bis 10 % Zins

Der Zinssatz der „Performance Solar-Anleihe Bellersdorf I 2023“ hängt von den Stromerlösen des hessischen Solarparks Bellersdorf ab. Dieser ist seit 2015 in Betrieb. Sind 10 Prozent Zins pro Jahr auf Basis der bisherigen Stromerträge realistisch? ECOreporter hat das Anleiheangebot eingehend geprüft.

Warum sind gleich zwei Unternehmen für Anlegerinnen und Anleger von großer Bedeutung? Wohin fließt das Anleihekapital? Welche Risiken bestehen? Überzeugt das Anleiheangebot, das ab 500 Euro plus 5 Prozent Agio zu zeichnen ist?

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Jahresverluste in 2020 und 2021

Anbieterin und Emittentin der Schuldverschreibungen ist die 7x7 Energiewerte Deutschland I. GmbH & Co. KG aus Bonn. Ihre persönlich haftende Gesellschafterin (Komplementärin) ist die 7x7management GmbH. Deren Geschäftsführer Andreas Mankel ist der Gründer der 7x7 Gruppe. Gemäß den Angaben auf der 7x7-Internetseite realisiert oder kauft die Emittentin Erneuerbare-Energien-Projekte und hält oder verkauft diese wieder. Der Fokus liege dabei auf Solarenergie.

Die Emittentin hatte laut ihrem im Unternehmensregister veröffentlichten Jahresabschluss zum 31. Dezember 2021 eine Bilanzsumme von rund 2,48 Millionen Euro. Als Vermögen sind in dem Jahresbericht insbesondere Sachanlagen von rund 1,28 Millionen Euro und Wertpapiere von rund 640.000 Euro ausgewiesen. Die Eigenkapitalquote der Emittentin betrug zum 31. Dezember 2021 rund 24 Prozent.

Laut Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) hat die Emittentin für ihr Geschäftsjahr 2021 einen Fehlbetrag von rund 50.000 Euro ausgewiesen (2020: Jahresfehlbetrag von rund 97.000 Euro). Nach Jahresabschluss-Angaben erwirtschaftete das Unternehmen Umsatzerlöse im Wesentlichen aus Einspeisevergütungen und beschäftigte 2021 keine Mitarbeiter.

ECOreporter hatte 2020 ein Geldanlageangebot der 7x7 Energiewerte Deutschland I. GmbH & Co. KG in einem ECOanlagecheck ausführlich analysiert.

Komplexes Anleiheangebot

Das Emissionsvolumen der „Performance Solar-Anleihe Bellersdorf I 2023“ beträgt bis zu 990.000 Euro. Die von der Emittentin zu tragenden Nebenkosten der Anleiheemission werden im Basisinformationsblatt (BIB,  Erstellungsdatum: 5.4.2023) nicht benannt. Den Nettoemissionserlös wird die Emittentin laut BIB für den Erwerb von Kommanditanteilen der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG verwenden. Zudem ist die Refinanzierung von Finanzierungen geplant, welche die Emittentin laut BIB für den Erwerb von Kommanditanteilen der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG erhalten hat. Nach Angaben von 7x7 ist der Erwerb der Kommanditanteile schon weit vorangeschritten: Die Emittentin besitzt demnach bereits 59 Prozent der Anteile an der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG  und hat für weitere 26 Prozent Kaufverträge unterschrieben (Stand: 2.5.2023).

2016 hatte ECOreporter eine angebotene Solar-Beteiligung der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG in einem ECOanlagecheck analysiert.

Gemäß den Angaben im Lagebericht, der beim Jahresabschluss 2021 der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG enthalten ist, entsprach die Geschäftsentwicklung nach Einschätzung der Unternehmensleitung den Erwartungen. Laut dem Lagebericht haben die 2015 und 2017 errichteten vier Solarparks eine Gesamtleistung von 10,377 Megawattpeak (MWp). Die durchschnittliche Vergütung betrug 9,89 Cent/kWh gegenüber der garantierten Einspeisevergütung von 8,93 Cent/kWh bzw. 8,91 Cent/kWh. Die 7x7 Bürgerenergie I. GmbH & Co. KG beschäftigte im Berichtszeitraum keine Mitarbeiter.

Solarpark Bellersdorf


Auf dem Gelände des Solarparks Bellersdorf lagerten früher Atomsprengköpfe. / Foto: 7x7

Die 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG betreibt den Solarpark Bellersdorf I in Hessen. Der Solarpark ist auf dem Gelände eines ehemaligen Munitionsdepots errichtet worden, auf dem Atomsprengköpfe der US-Armee lagerten.

Die 2015 in Betrieb genommenen Anlagen haben eine installierte Leistung von rund 1,62 Megawattpeak (MWp). Die Produktion des Solarparks gibt 7x7 mit ca. 1,554 Millionen kWh Strom pro Jahr an. Gemäß den Angaben auf der 7x7-Internetseite hat der Park in den Jahren 2018 bis 2020 und 2022 jeweils mehr als 1,7 Millionen kWh Strom erzeugt. 2016 und 2017 lag der Stromertrag zwischen 1,5 und 1,6 Millionen kWh, während 2021 mit knapp 1,4 Millionen kWh ein schwächeres Ertragsjahr war.

Laufzeit der Anleihe

Die Vermittlung der Anleihe erfolgt über die Online-Plattform fairzinsung. Die Laufzeit der Schuldverschreibungen beginnt am 1. Juli 2023. Sie endet laut BIB vorbehaltlich einer vorzeitigen Beendigung entweder mit der vollständigen Rückzahlung der Schuldverschreibungen oder wenn und soweit ein Vertrag über den Verkauf des Solarparks abgeschlossen wurde und ein Übergang von Nutzen und Lasten auf den Käufer erfolgt ist. 5 Prozent des ursprünglichen Anlagebetrages sollen laut BIB jährlich zurückgezahlt werden, sodass sich eine geplante Laufzeit von 20 Jahren bis zum 30. Juni 2043 ergibt.

Eine ordentliche Kündigung durch die Anlegerinnen und Anleger ist ausgeschlossen. Dagegen ist die Emittentin laut BIB berechtigt, die Schuldverschreibung mit einer Frist von vier Wochen zum Ende eines Zinslaufs zu kündigen. Die Anleihe wird laut BIB nicht an einer Börse gehandelt. Nach Angaben von 7x7 ist die Einrichtung eines Zweitmarkthandels geplant.

Erfolgsabhängiger Zinssatz

Die Anleihe hat keinen festen Zins. Der Zins ist vom Jahresverkaufserlös der erzeugten Strommenge des Solarparks abhängig. Der Jahresverkaufserlös ergibt sich laut BIB aus der Multiplikation der in einem Kalenderjahr erzeugten Strommenge des Solarparks mit dem Verkaufspreis.

Der jährliche erfolgsabhängige Zins, bezogen auf den noch nicht zurückgezahlten Anlagebetrag, berechnet sich laut BIB wie folgt: Soweit der Jahresverkaufserlös des Solarparks im Kalenderjahr bis zu 138.415 Euro ergibt, beträgt der Zins 0 Prozent. Wenn der Jahresverkaufserlös 138.415 Euro überschreitet, beträgt der Zins 5 Prozent. Er erhöht sich auf 7,5 Prozent, falls die Verkaufserlöse über 166.098 Euro liegen. Überschreitet der Jahresverkaufserlös 193.781 Euro, steigt der Zins auf 10 Prozent.

Beispiel: Bei einer erzeugten Strommenge von 1,554 Millionen kWh, die vollständig entsprechend der gesetzlichen Einspeisevergütung von 8,93 Cent/kWh verkauft wird, würde sich ein Jahresverkaufserlös von rund 139.000 Euro ergeben, der knapp die 5 Prozent-Zinsgrenze erreicht. Die von 7x7 veröffentlichten Ertragszahlen des Solarparks in den letzten Jahren zeigen, dass in guten Sonnenjahren Strommengen von deutlich über 1,7 Millionen kWh möglich sind. Zudem sind insbesondere bei hohen Strompreisen Verkaufserlöse für den Solarstrom möglich, die über der gesetzlichen Einspeisevergütung liegen. Beispiel: Bei einer Strommenge von 1,7 Millionen kWh und einem Verkaufspreis von 10 Cent/kWh würde ein Zinssatz von 7,5 Prozent erreicht. Bei sehr hohen Strom-Verkaufspreisen (wie in 2022) wäre ein Zinssatz von 10 Prozent auch in normalen Sonnenjahren möglich.

Grundsätzlich ist damit zu rechnen, dass Solarmodule mit zunehmendem Alter an Leistung verlieren und daher die erzeugbare Strommenge sinkt. Die Emittentin ist 2015 von einer Leistungsminderung von 0,2 Prozent pro Jahr ausgegangen. Dagegen ist es möglich, dass die Strompreise künftig steigen und höhere Verkaufserlöse je kWh Solarstrom zu erreichen sind. Zu berücksichtigen ist auch, dass für den Solarpark Ende 2035 die zwanzigjährige gesetzliche Einspeisevergütung endet und die Anleihelaufzeit planmäßig erst 2043.

Hohe Risiken

Bei dem Anleiheangebot handelt es sich um nachrangige, tokenbasierte Schuldverschreibungen, die mit einem Rangrücktritt und einer vorinsolvenzlichen Durchsetzungssperre ausgestattet sind. Informationen zu tokenbasierten Wertpapieren und deren Risiken erhalten Sie hier. Die Zahlungsansprüche aus den nachrangigen Schuldverschreibungen können aufgrund der vorinsolvenzlichen Durchsetzungssperre bereits vor Eröffnung eines Insolvenzverfahrens dauerhaft nicht durchsetzbar sein, und der Ausschluss dieser Ansprüche kann für unbegrenzte Zeit wirken. Das gilt nicht nur für die Rückzahlungen, sondern auch für die Zinszahlungen. Es wäre möglich, dass der Solarpark Bellersdorf hohe Strom-Verkaufserlöse erzielt und den Anlegerinnen und Anlegern in der Folge hohe Zinszahlungen zustehen, die Emittentin diese Zahlungen aber nicht leisten kann.

Das ist beispielsweise möglich, wenn andere Geschäfte der Emittentin nicht erfolgreich verlaufen sollten. Die Emittentin plant nach eigenen Angaben, alle Kommanditanteile an der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG zu erwerben und diese auf sich, die 7x7 Energiewerte Deutschland I. GmbH & Co. KG, zu verschmelzen. Im Falle der Verschmelzung  gehen gemäß den Risikohinweisen auch Verbindlichkeiten der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG auf die Emittentin über. Nach Angaben der Emittentin besteht das Risiko, dass weniger Kommanditisten als erwartet ihre Beteiligungen an der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG an die Emittentin veräußern wollen. Folglich könnte die Emittentin die geplanten Investitionen gegebenenfalls nicht oder nicht im geplanten Umfang vornehmen.

Alle Zahlungen an die Anlegerinnen und Anleger hängen nach Angaben der Emittentin im Wesentlichen von der Entwicklung der 7x7 Bürgerenergie I GmbH & Co. KG ab. Für Anlegerinnen und Anleger bestehen erhebliche Risiken, dass sie ihr eingesetztes Kapital teilweise oder vollständig verlieren.

Fazit

Der Solarpark Bellersdorf, der Namensgeber der „Performance Solar-Anleihe Bellersdorf I 2023“, ist bereits mehrere Jahre in Betrieb. Daher bestehen Erfahrungswerte, um den erfolgsabhängigen Zinssatz einschätzen zu können, den Anlegerinnen und Anleger wahrscheinlich erreichen könnten. Allerdings investieren die Anlegerinnen und Anleger nicht in eine Projektgesellschaft, die nur den Solarpark Bellersdorf betreibt, sondern in eine im Solarbereich tätige Gesellschaft, die alle Anteile an einer anderen Gesellschaft aufkaufen will, die unter anderem den Solarpark Bellersdorf betreibt. Aufgrund dieser Konstruktion ist das Anleiheangebot komplex und nur eingeschränkt transparent.

Auch die lange geplante Laufzeit von 20 Jahren erhöht die Unsicherheiten. So besteht beispielsweise das Risiko, dass der Betrieb des bereits rund sieben Jahre alten Solarparks Bellersdorf innerhalb der nächsten 20 Jahre aus wirtschaftlichen, technischen oder rechtlichen Gründen eingestellt werden muss und in der Folge die Anlegerinnen und Anleger keine Zinsen mehr erhalten. Angesichts der langen Anleihelaufzeit sind auch die Kündigungsregelungen zu bemängeln. Die Anlegerinnen und Anleger können gar nicht kündigen, während die Emittentin jährlich kündigen darf, ohne einen erhöhten Rückzahlungsbetrag leisten zu müssen. So wäre es beispielsweise möglich, dass die Emittentin bereits 2024 kündigt und die Anlegerinnen und Anleger in dem Fall noch nicht mal den von ihnen zu leistenden Ausgabeaufschlag (Agio) von 5 Prozent durch eine Zinszahlung kompensiert haben.

Insgesamt hat das Anleiheangebot mehr Schwächen als Stärken und überzeugt ECOreporter nicht.

7x7 hat nach eigenen Angaben aufgrund der Anmerkungen von ECOreporter für die anstehenden Folgeprodukte bereits Änderungen vorgenommen. Die nächsten „baugleichen“ Anleihen werden laut 7x7 einen performanceunabhängigen Grundzins von 2,5 Prozent haben, der sich bei den bekannten Szenarien erhöhen würde. Des Weiteren werde der Emittentin ein Kündigungsrecht nach frühestens fünf Jahren eingeräumt.

Bei einer anderen Anleihe der 7x7 Gruppe gibt es derzeit Rückzahlungsprobleme. Mehr dazu lesen Sie hier.

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