Der Ausstoß von Kohlendioxid muss sinken. Emissionszertifikate sollen dabei helfen. Mit diesen Papieren lässt sich auch Geld verdienen. / Foto: Pixabay

  Anleihen / AIF

CO2-Zertifikate kaufen: eine gute grüne Investment-Idee?

Hohe Renditen einstreichen und dabei auch noch das Klima schützen: Damit werben Anbieter von Emissionszertifikate-Anleihen. Wie nachhaltig sind solche Angebote wirklich? Und wie sicher?

Viele große Unternehmen, die in der Europäischen Union CO2 ausstoßen wollen, dürfen dies nur, wenn sie dafür Emissionszertifikate besitzen. Diese können sie von anderen Firmen oder an der Börse kaufen. Weil immer weniger Klimagas ausgestoßen werden soll, reduziert die EU Jahr für Jahr die Menge der Zertifikate. Dadurch steigt deren Preis.

Dieses Handelssystem hat auch Investoren auf den Plan gerufen. Denn wer vor einigen Jahren CO2-Zertifikate gekauft hat, kann sie heute mit hohem Gewinn wieder veräußern. 2021 kostete ein Zertifikat an der Energiebörse in Leipzig 20 Euro, im Februar diesen Jahres lag der Preis erstmals bei über 100 Euro.

Auch private Anlegerinnen und Anleger können sich indirekt am Zertifikatehandel beteiligen. Oft geschieht dies über Exchange Traded Commodities (ETCs). Das sind Anleihen, deren Wert an die Preisentwicklung von Rohstoffen bzw. in diesem speziellen Fall CO2-Zertifikaten gekoppelt ist. Die Rechnung ist einfach: Jetzt in einen ETC einsteigen, ein paar Jahre zuschauen, wie die Preise der Emissionszertifikate steigen, und den ETC dann mit einem großen Plus verkaufen.

Der CO2-Preis ist zuletzt gefallen

Also eine todsichere Renditemaschine? Leider nicht. Denn auch wenn die Preise der Zertifikate in den letzten Jahren stark gestiegen sind und theoretisch weiter steigen müssten, weil das Angebot zurückgeht – dass sie tatsächlich noch teurer werden, ist nicht ausgemacht. In den letzten Monaten ist der CO2-Preis beispielsweise an der Leipziger Börse von über 100 Euro auf 86 Euro gesunken. Und wenn die EU zu der Einschätzung kommt, dass das Handelssystem dem Klima weniger nutzt als erhofft, kann sie es ändern, im Extremfall sogar abschaffen. Dann wären CO2-Zertifikate möglicherweise wertlos.

Die Zertifikate wurden nicht erfunden, um Anlegerinnen und Anlegern Traumrenditen zu bescheren, sondern um die Klimawende voranzubringen. Als Geldanlagen sind die Papiere eigentlich nicht gedacht. Wer mit ihnen handelt, genießt keinen besonderen Anlegerschutz. Zudem sind die erhältlichen CO2-Finanzprodukte, egal ob sie sich Fonds, Faktor-Optionsscheine oder Zertifikate (also genauso wie die Papiere, in die sie investieren) nennen, letztlich fast immer Anleihen. Gehen ihre Anbieter bankrott, droht Anlegerinnen und Anlegern ein Totalverlust.

Ein weiteres Risiko: Die Produkte sind oft sehr komplex. Die Anbieter kaufen nicht direkt CO2-Zertifikate, sondern meist Future-Kontrakte, teils auch an Börsen außerhalb der EU oder mit speziellen Hebel-Konditionen. Wie genau diese Finanzprodukte funktionieren, können manchmal nicht einmal Profi-Investoren nachvollziehen.

Klimaversprechen maßlos überzogen?

Und wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus? Schlechter als erwartet. Kaufen ETCs die Rechte an CO2-Zertifikaten, können Unternehmen sie zwar nicht mehr erwerben. Derzeit sind aber ausreichend Zertifikate im Umlauf, und die EU wird wahrscheinlich noch bis 2040 neue ausgeben. Heißt: Wer CO2 ausstoßen will, kann dies auch tun, es ist nur eine Geldfrage.

Hinzu kommt: Werden Emissionsrechte verkauft, kehren sie zurück in den Handelskreislauf. Die Anbieter der ETC-Anleihen vernichten sie ja nicht, was tatsächlich eine positive nachhaltige Wirkung hätte, sondern wollen mit ihnen Gewinn machen. Die Erderwärmung lässt sich so kaum begrenzen.

Einige ETCs werden so aggressiv als Klima-Investments verkauft, dass Kritiker ihnen Greenwashing vorwerfen. Das britische Unternehmen Sparkchange etwa wirbt damit, sein Sparkchange Physical Carbon EUA ETC würde pro Anteil bis zu 1,4 Tonnen CO2 einsparen und dazu beitragen, dass die Preise von CO2-Zertifikaten steigen. Fachleute halten dies für mindestens maßlos überzogen. Auf Nachfrage des „Handelsblatts“ musste einer der Gründer von Sparkchange einräumen, dass er keinen Fall kenne, in dem sein ETC die Preise von Emissionsrechten beeinflusst habe.

Sie wollen mit Ihrem Geld wirklich etwas fürs Klima tun? Dann investieren sie lieber in kerngrüne Anleihen (45 davon stellt ECOreporter hier vor) oder direkt in Grünstromprojekte (einige Angebote finden Sie hier). Achtung: Auch diese Produkte sind riskant. Aber zumindest stehen sie nicht unter Greenwashing-Verdacht.

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