Der Global Ethical Values Index orientiert sich an christlichen Werten. / Foto: Pixabay

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Keine Kohle, keine Verhütungsmittel – Interview zum Global Ethical Values Index

Der neue Aktienindex Global Ethical Values Index (GEVX) ist breit gestreut und berücksichtigt neben ökologischen auch christliche Kriterien. Eignet er sich als Grundlage für anspruchsvolle nachhaltige Fonds und ETFs? ECOreporter hat darüber mit Hendrik Janssen gesprochen, dem Geschäftsführer der Börse Hannover, die den Index aufgelegt hat.

Janssen ist zudem Vorstand der BÖAG Börsen AG, die die Börsen Hannover, Hamburg und Düsseldorf betreibt. Außerdem gehört er zu den Prüfern des ECOreporter-Fernlehrgangs ECOanlageberater (mehr zu dem Lehrgang erfahren Sie hier).


Hendrik Janssen, Geschäftsführer der Börse Hannover. / Foto: BÖAG

ECOreporter: Herr Janssen, warum haben Sie jetzt den Global Ethical Values Index gestartet?

Hendrik Janssen: Die Börse Hannover widmet sich schon seit 2007 dem Thema Nachhaltigkeit und hat bereits vor 14 Jahren den Global Challenges Index lanciert, der eine hervorragende Entwicklung vorweisen kann (ECOreporter hat u.a. einen Indexfonds getestet, der den GCX abbildet – Anm. d. Red.). Es war immer unser Interesse, weitere Indizes im Bereich ESG zu entwickeln und erfolgreich im Markt zu platzieren. Die Idee für den GEVX kam bereits vor einigen Jahren. Ursprünglich sollte es ein Nachhaltigkeitsindex speziell für christlich und ethisch orientierte Investoren im kirchlichen Umfeld werden. Wir haben uns dann aber gemeinsam mit unseren Projektpartnern entschieden, die Zielgruppe breiter zu definieren und Anlegerkreise auch darüber hinaus anzusprechen.

Mit welchen Partnern haben Sie den GEVX ausgearbeitet?

Bei diesem Indexprojekt haben wir mit Metzler Asset Management, dem NKI Institut für nachhaltige Kapitalanlagen, MSCI ESG Research, der Solactive AG und der Börse Hannover eine einmalige Runde an Kompetenzträgern formiert und ihre Expertise im Bereich ESG und Indexgestaltung einfließen lassen.

Es gibt weltweit bereits mehr als 200.000 Börsenindizes. Was macht den GEVX einzigartig?

Der folgende Premium-Inhalt ist aufgrund des Artikelalters nun frei verfügbar.

Das Indexkonzept unterscheidet sich deutlich von anderen Nachhaltigkeitsindizes und auch vom GCX. Die Basis bilden Ausschlusskriterien, die sich an den ethisch-nachhaltigen Normen und Werten der katholischen und der evangelischen Kirche in Deutschland, der katholischen Kirche in Österreich und des österreichischen Umweltzeichens orientieren.

Welche Branchen schließt der Index aus?

Zu den Ausschlusskriterien zählen z. B. Atomenergie, Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Korruption und Rüstung. Zudem führen klimabasierte Selektionskriterien zu einem vollständigen Ausschluss von Geschäftsmodellen, die auf fossilen Brennstoffen beruhen, z. B. die Förderung und Verstromung von Kohle. Adressiert werden Anleger und Investoren mit einem hohen Anspruch an ethische und werteorientierte Anlagealternativen, die aber auch das aktuell sehr wichtige Thema Klima angemessen berücksichtigt haben wollen.

Wie grün ist für Sie der GEVX? Er enthält neben vielen sehr nachhaltigen Unternehmen auch Firmen wie Coca-Cola, PepsiCo, Ferrari oder Singapore Airlines, die nicht alle Anlegerinnen und Anleger als nachhaltig ansehen werden.

Wenn Sie sich das Logo des GEVX anschauen, werden Sie auch nicht Grün sehen, sondern Violett und Schwarz als Farben entdecken, zur besonderen Betonung der ethisch-werteorientierten Ausrichtung. Grün ist ja nur ein Teil im Bereich der Nachhaltigkeit.

Aber ein sehr wichtiger.


Im GEVX ist u.a. der dänische Windradbauer Vestas enthalten. / Foto: Vestas

Natürlich, und er wird im GEVX selbstverständlich berücksichtigt. Wir haben sehr weitreichende Ausschlusskriterien im Bereich der fossilen Energieträger. Ausgeschlossen sind neben den üblichen Kriterien wie Förderung, Verarbeitung und Verbrennung fossiler Energieträger zum Beispiel auch Energieversorger mit zu geringer Produktion von erneuerbaren Energien und Unternehmen mit einer hohen CO2-Intensität im Anwendungsbereich Energie. Der Ausschluss Grüner Gentechnik sowie von Chlor und Agrochemie versteht sich dabei schon fast von selbst. Anleger sollten aber anstelle einer grünen besser eine Regenbogenbrille aufsetzen, dann sehen sie nicht nur Grün, sondern auch Violett. Nachhaltigkeit umfasst viel mehr als eine Bewertung allein nach grünen bzw. ökologischen Kriterien.

Bewerten Sie Unternehmen auch danach, wie sehr sie sich um Fortschritte bei der Nachhaltigkeit bemühen, Stichwort Transformations-Vorreiter?

Ja. Da lohnt sich ein Blick auf die Stufe zwei im Auswahlprozess beim GEVX. Hier werden durch Kombination des Best-in-Class- mit dem Best-in-Progress-Ansatz Unternehmen mit hoher ESG-Qualität identifiziert und ausgewählt, die innerhalb ihrer jeweiligen Branche im Nachhaltigkeitsmanagement bereits ein vergleichsweise hohes Niveau erreicht haben. Der Best-in-Progress-Ansatz wiederum setzt auf Unternehmen, die in den vergangenen Jahren die größten Fortschritte beim Umgang mit Herausforderungen im gesellschaftlichen Bereich oder des Klimawandels gemacht haben. Berücksichtigt werden somit explizit auch die Unternehmen, die besondere Anstrengungen zum aktuellen Thema Klimawandel vorweisen können.

Wie christlich ist der Index ausgerichtet? Schließt er auch umstrittene Themen wie Schwangerschaftsabbrüche, Kinderwunschbehandlungen (IVF) und Verhütungsmittel aus?

Zu den zahlreichen Ausschlusskriterien beim GEVX gehören u. a. die Produktion von Medikamenten zur Abtreibung, die Durchführung von Abtreibungen und die Produktion von Verhütungsmitteln. Damit gehen wir sehr weit bei den Ausschlüssen und tragen insbesondere den Kriterien der katholischen Kirchen Rechnung. Ausgeschlossen ist außerdem die embryonale Stammzellenforschung, was unter rote Gentechnik fällt. Viel mehr an Ausschlusskriterien ist kaum möglich, und man muss auch die Frage stellen, ob es überhaupt verantwortungsvoll bzw. vertretbar wäre. Gerade in diesem sensiblen Bereich gibt es durchaus kontroverse Diskussionen und sogar Meinungsunterschiede zwischen den großen Kirchen. Bestimmte medizinische Maßnahmen und der Einsatz von Medikamenten können im Einzelfall auch das Leben und die Gesundheit von Menschen retten und schützen. Das sollte man bei jeder Diskussion in diesem Zusammenhang berücksichtigen.

Wie viele Finanzprodukte zum GEVX sind derzeit in Planung?

Das erste Produkt auf den GEVX ist der Publikumsfonds Metzler Global Ethical Values. Er investiert passiv indexnah, das heißt ausschließlich in Unternehmen, die im GEVX vertreten sind. Aktuell umfasst der GEVX 679 internationale Unternehmen aus den sogenannten „Developed Markets“ (entwickelte Märkte; gemeint sind damit vor allem Länder aus Europa und Nordamerika sowie Japan, Singapur, Australien und Neuseeland - Anm. d. Red.). Mit einer Verwaltungsvergütung von 0,60 Prozent pro Jahr ist der Metzler-Fonds kostengünstig und bewegt sich auf dem Niveau von Indexfonds bzw. ETFs. Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir sicher auch weitere Lizenznehmer an Bord nehmen.

Viele Anlegerinnen und Anleger suchen nach breit gestreuten ETFs, die trotzdem gehobenen Nachhaltigkeitsansprüchen genügen. Gute Angebote gibt es bislang kaum. Mit dem GEVX wäre jetzt ein interessanter Index da. Eigentlich eine Steilvorlage für einen anspruchsvollen nachhaltigen ETF, oder?

Ja, durchaus! Aber wie bereits ausgeführt, kommt der Metzler Global Ethical Values Fonds einem ETF schon sehr nahe. Der Fonds investiert in eine Teilmenge des Index, die sich an der Länder- und Sektorenausrichtung des GEVX orientiert. Somit wird eine indexnahe Wertentwicklung angestrebt, wie dies auch bei ETFs der Fall ist.

Herr Janssen, vielen Dank für Ihre Antworten!

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