Ein Fischer des nachhaltigen Unternehmens Yalelo aus Sambia, das von Oikocredit mitfinanziert wird. / Foto: opmeer reports

06.05.19 Meldungen , Finanzdienstleister

Mikrofinanz: Oikocredit-Interview – "Afrika hat ein enormes Potenzial"

Umstrukturierungen, Entlassungen, neue Kreditkonditionen – 2018 war ein Jahr des Umbruchs für Oikocredit. Geschäftsführer Thos Gieskes erläutert im ECOreporter-Interview die Veränderungen bei der internationalen Entwicklungsgenossenschaft.

Oikocredit gehört zu den Pionieren im Mikrofinanzbereich (ein ECOreporter-Dossier zum Thema Mikrofinanz können Sie hier lesen). Die auf die Finanzierung sozialer Projekte spezialisierte Genossenschaft aus dem niederländischen Amersfoort vergibt seit 1975 Mittel an Mikrofinanzinstitute, Genossenschaften und kleinere Unternehmen in Ländern des globalen Südens.

Anleger können bei Oikocredit investieren, indem sie Mitglied in einem der regionalen Förderkreise werden und Genossenschaftsanteile erwerben. Ein ECOreporter-Porträt von Oikocredit finden Sie hier.

ECOreporter: Herr Gieskes, wie lief das Geschäftsjahr 2018 für Oikocredit?

Thos Gieskes: Das Jahr war gut. Wir haben unsere Strategie fokussiert und sind zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen.

Welche Änderungen haben Sie konkret vorgenommen?

Wir konzentrieren uns auf weniger Länder. Früher waren es 64, jetzt sind es noch 33. In den meisten Staaten, die wir nicht mehr aktiv bearbeiten, haben wir nur ein oder zwei Partnerinstitute – beispielsweise in Marokko, Ägypten, Tunesien, Mosambik und Madagaskar. Diese Länder machten zusammengenommen lediglich 10 Prozent unseres Geschäftsvolumens aus. Die Kosten dort stiegen zu sehr an, auch aufgrund von immer neuen Regularien. Außerdem wurden die Maßnahmen zur Absicherung gegen Wechselkursschwankungen immer aufwendiger. Wir kümmern uns in diesen Ländern natürlich weiterhin um unsere Altverträge, vergeben aber keine neuen Kredite mehr.

Ende 2017 gab es bei Oikocredit 290 Vollzeitstellen. Ende 2018 waren es nur noch 235.

Oikocredit_Thos_Gieskes_Geschäftsführer_2_800.jpg
Thos Gieskes ist Geschäftsführer von Oikocredit. / Foto: Unternehmen

Die Entlassungen ließen sich leider nicht vermeiden. Vor der Umstrukturierung hatten wir sieben Regionen mit jeweils einem Regionalbüro und dazu noch Niederlassungen in den einzelnen Ländern. Jetzt sind es noch drei Regionen – Afrika, Lateinamerika und Asien – mit insgesamt 14 Büros. Dafür sind die Niederlassungen größer, es findet intern mehr Austausch statt, und wir haben nach wie vor Spezialisten für jedes Land.

Wurden die Sparmaßnahmen auch deshalb notwendig, weil in vielen Staaten das Zinsniveau gesunken ist?

Ja. 85 Prozent unserer Investments sind Kredite, und die Kreditzinsen sind vielerorts gesunken. Gleichzeitig ist die Konkurrenz durch andere Mikrofinanzanbieter größer geworden. Einige von ihnen können langjährigen Oikocredit-Kunden günstigere Kredite anbieten als wir. Für die Empfänger der Kredite ist das natürlich positiv, und grundsätzlich empfinden wir diese Entwicklung auch gar nicht als problematisch. Oikocredit geht es nicht in erster Linie darum, Gewinn zu machen. Aber ganz ohne geht es eben auch nicht. Wir wollen zumindest so viel erwirtschaften, dass wir unseren Anteilseignern eine moderate Dividendenrendite in Aussicht stellen können.

2017 lag Ihre Dividendenrendite bei 1 Prozent. Für 2018 wird eine Dividende in gleicher Höhe erwartet.

Mit unserer alten Struktur wurde es immer schwieriger, unsere Dividendenziele zu erreichen. Außerdem sind die Kosten für Transaktionen und Lizenzen in der Finanzwelt spürbar angestiegen. Wir brauchten eine schlankere Organisation, um unseren Partnern weiterhin gute Konditionen anbieten zu können. Aber es gibt immer noch sehr viele Investitionsmöglichkeiten für Oikocredit. 1,7 Milliarden Menschen haben nach wie vor keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen.

Für das letzte Jahr weist Oikocredit einen Gewinn von 1,3 Millionen Euro aus. 2017 waren es noch 18,4 Millionen Euro.

Der erste Blick täuscht. 2018 lief für uns besser als das Jahr davor. 2017 hätten wir Verlust gemacht, wenn wir Währungsschwankungen nicht durch unseren Local Currency Risk Fund aufgefangen hätten. Dieser Fonds ist mittlerweile aber fast aufgebraucht. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, Wechselkursrisiken jetzt direkt in unsere Kreditzinsen einzupreisen. Da wir gleichzeitig die Betriebskosten gesenkt haben, können wir trotzdem Kredite zu attraktiven Konditionen anbieten.

Wie lautet Ihre Prognose für das laufende Jahr?

2019 ist für uns ein Übergangsjahr. Es fallen einige einmalige Kosten an, etwa weil wir den Menschen, die wir entlassen mussten, mit Sozialplänen und anderen Maßnahmen helfen. 2019 läuft bislang besser als 2018, die Auswirkungen unserer Neuausrichtung wird man aber erst 2020 richtig sehen. Die Umstellung auf die neuen Kreditverträge, in denen die Wechselkursrisiken eingepreist sind, wird sogar noch länger dauern, wahrscheinlich bis Mitte 2022. Denn die alten Verträge laufen natürlich unverändert weiter.

Andere Mikrofinanzdienstleister investieren verhältnismäßig wenig in Afrika. Oikocredit hingegen ist dort traditionell stark vertreten. Wie groß ist die nachhaltige Wirkung, die Sie in Afrika erzielen?

Afrika hat ein enormes Potenzial – nicht nur bei der finanziellen Inklusion, sondern auch in unseren anderen beiden Sektoren Landwirtschaft und Erneuerbare Energien. Beim Kakaoanbau beispielsweise kann noch sehr viel bewegt werden, damit Kleinbauern stärker von den Exporten profitieren. Wir versuchen uns in jedem unserer Länder gezielt auf die Teilsektoren zu konzentrieren, von denen wir uns den größten Impact erhoffen.

Die Hälfte aller Anteilseigner von Oikocredit kommt aus Deutschland. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Das hat vor allem historische Gründe. Oikocredit wurde in den Niederlanden gegründet, aber schon der zweite Förderkreis entstand in Deutschland. Eine wichtige Antriebsfeder war damals der kirchliche Bereich. Als die Gläubigen merkten, dass ihre Kirchen in der Entwicklungsfinanzierung etwas zurückhaltend auftraten, engagierten sie sich bei Oikocredit und gründeten vor allem in Deutschland Förderkreise. Auch heute noch sind viele Christen bei Oikocredit aktiv, aber mittlerweile kommen zu uns auch zahlreiche Menschen, die keinen religiösen Hintergrund haben.

Herr Gieskes, vielen Dank für Ihre Antworten!

Verwandte Artikel

28.03.19
Oikocredit: Mehr Kapital und Mitglieder
 >
30.01.19
Übersicht Mikrofinanzfonds: Bis zu 2,13% Rendite in 2018
 >
03.05.18
Oikocredit investiert eine Million in Biomasse-Kocher für Ruanda
 >
Nach oben scrollen
ECOreporter Journalistenpreise
Anmelden
x