In dieser Fabrik in Ghana produziert fairafric faire Bio-Schokolade. / Foto: fairafric

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Schokoladen-Anleihe der fairafric AG - ökologisch, sozial und finanziell überzeugend?

Die fairafric AG produziert in Ghana Bio-Schokolade. Um die Herstellung und den Einkauf von Zutaten zu finanzieren, bietet das Unternehmen ab 1.000 Euro Schuldverschreibungen an. Deren Zinssatz beträgt 5,5 Prozent pro Jahr bei einer Laufzeit bis Ende 2029.

In der Regel fördert bzw. produziert Afrika Rohstoffe wie beispielsweise Kakao, die dann exportiert und vor allem in den Industrieländern zu fertigen Produkten verarbeitet werden. Damit fällt nur ein geringer Teil der Wertschöpfung in Afrika an. Nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gehen von dem Preis, den zum Beispiel eine Tafel Milchschokolade in einem deutschen Supermarkt kostet, nur ca. 7 Prozent an die meistens kleinbäuerlichen Kakaoproduzentinnen und -produzenten in Afrika.

Auch bei Fairtrade-Schokolade bleibt immer noch nur ein kleiner Teil  der Wertschöpfung in Afrika, wenn die Schokoladen-Produkte nicht dort selbst hergestellt werden. Die deutsch-ghanaische Unternehmensgruppe fairafric dagegen produziert ihre faire Bio-Schokolade – vom Baum bis zur Tafel – in einer eigenen Schokoladenfabrik in Ghana, die 2020 gebaut wurde. Für jede Tafel fairafric-Schokolade bleiben nach Angaben des Unternehmens  0,76 US-Dollar im Ursprungsland des Kakaos. Nach Informationen von fairafric gibt es andere Fairtrade-Schokoladen, bei denen nur rund 0,16 US-Dollar pro Tafel vor Ort bleiben (Stand jeweils: Dezember 2022).

Bei der neuen Anleihe handelt es sich um Order-Schuldverschreibungen. Was sollten Anlegerinnen und Anleger dabei beachten? Die fairafric AG hatte im ersten Halbjahr 2022 öffentlich Aktien angeboten – was fällt an einer kurz danach durchgeführten Kapitalerhöhung auf? Wie gestaltet sich die Kooperation mit Borussia Dortmund? Welche Risiken bestehen für fairafric und ihre Anlegerinnen und Anleger? Kann das Anleiheangebot überzeugen?

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Künftig nicht nur Schokolade?

Anbieterin und Emittentin der Anleihe 2029 ist die fairafric AG mit Sitz in München, die 2016 als GmbH gegründet und 2021 in eine AG umgewandelt wurde. Der Haupttätigkeitsbereich des Unternehmens ist laut Satzung die Produktion von Lebensmitteln und anderen Waren in Afrika und der Vertrieb dieser Produkte weltweit sowie die Erbringung von diversen Dienstleistungen (z.B. Logistikdienstleistungen), die dem afrikanischen Kontinent zusätzliches Einkommen versprechen.

Laut Wertpapier-Informationsblatt (WIB, Stand: 10.1.2023) produziert die Emittentin vorrangig Schokolade und weitere Schokoladenprodukte. Es sei nicht auszuschließen, dass das Unternehmen in Zukunft auch andere Produkte vertreibt, die in Afrika hergestellt wurden. Als Beispiele werden im WIB Kaffee, Tee, Nüsse und Trockenfrüchte im Lebensmittelbereich sowie Bekleidung und Taschen genannt.

Fabrik gehört der Tochter in Ghana

Die Emittentin hält 100 Prozent der Anteile der in Ghana ansässigen fairafric Ghana Ltd., in der laut WIB alle Produktionsgüter bilanziert und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Ghana angestellt sind. Die fairafric Ghana Ltd. ist nach Angaben der Emittentin ein Freihandelszonen-Unternehmen und hat den Euro als funktionale Währung. Zudem besitzt die Emittentin laut WIB 51 Prozent der Anteile an der Amanase GmbH, die Pralinen und handgemachte Schokoladenprodukte herstellt und in Europa vertreibt. Das Portfolio der Emittentin beinhaltet nach eigenen Angaben nicht nur Schokoladenprodukte für Endverbraucher, sondern auch Schokoladendrops, die andere Unternehmen für die Fertigung ihrer Produkte nutzen, z.B. für mit Schokolade gefüllte Backwaren.

Neben der Produktion will fairafric auch Vertrieb, Marketing und Kooperationen stärken. Beispielsweise hat das Unternehmen in Kooperation mit Borussia Dortmund die BVB Fan-Schokolade auf den Markt gebracht. Der BVB (Ballspiel-Verein Borussia) erlässt nach Angaben der Emittentin seine üblichen Lizenzgebühren und investiert stattdessen gemeinsam mit fairafric 10 Prozent des Kaufpreises pro Tafel in die Sanierungsarbeiten des von mehreren Schulen genutzten Fußballplatzes nahe der fairafric-Fabrik in Ghana.

Wohin fließt das Anleihekapital?

Das Emissionsvolumen der Anleihe beträgt 999.000 Euro. Der voraussichtliche Nettoemissionserlös im Falle einer Vollplatzierung beträgt laut WIB rund 991.000 Euro. Diesen will fairafric für die Produktion von Schokolade und Schokoladenprodukten durch die Fabrik in Ghana sowie die Beschaffung von Produktionszutaten (z.B. Kakaomasse und -butter, Zucker, Milchpulver
und Nüssen) verwenden. Das Platzierungsvolumen der Anleihe beträgt gemäß den Angaben auf der fairafric-Internetseite derzeit 331.000 Euro (Stand: 9.5.2023, 15:20 Uhr).

Laufzeit und Zins der Anleihe

Der Zinssatz der Anleihe 2029 beträgt 5,5 Prozent pro Jahr. Die Laufzeit endet am 31. Dezember 2029.

Bei der Anleihe handelt es sich um Order-Schuldverschreibungen. Im Vergleich zu Inhaber-Schuldverschreibungen ist bei Order-Schuldverschreibungen (OSV) die Übertragbarkeit erschwert. Die OSV werden laut WIB für ihre gesamte Laufzeit in einer auf den Namen der Anlegerin oder des Anlegers lautenden Urkunde verbrieft. Die Urkunde wird den Anlegerinnen und Anlegern ausgereicht und kann von ihnen im Depot ihrer Bank aufbewahrt werden.

Jede OSV kann durch Einigung und Übergabe der Urkunde auf einen Dritten übertragen werden. Die diesbezügliche Erklärung, das sogenannte Indossament, erfolgt durch Unterzeichnung des Indossanten (ursprünglicher Anleihegläubiger) und durch Übergabe der Urkunde an den Indossatar (neuer Anleihegläubiger).

Übertragungen der OSV sind der Emittentin von dem neuen Anleihegläubiger unter der Geschäftsanschrift und unter Beibringung des Indossaments unverzüglich, d.h. ohne schuldhaftes Zögern innerhalb von drei Werktagen, in Textform anzuzeigen. Die Emittentin trägt daraufhin laut WIB den neuen Anleihegläubiger in das Register ein und händigt dem neuen Anleihegläubiger sowie im Falle der teilweisen Übertragung auch dem bisherigen Anleihegläubiger eine neue Urkunde aus.

Eine vorzeitige Veräußerung der OSV ist stark eingeschränkt, da die Anleihe nicht an einem geregelten Markt notiert und auch nicht im Freiverkehr einer Börse einbezogen ist. Eine solche Notierung ist laut WIB auch nicht vorgesehen. Für Anlegerinnen und Anleger, die während der Laufzeit ihre OSV verkaufen möchten, kann daher im Vergleich zu börsennotierten Inhaber-Schuldverschreibungen ein deutlich höheres Risiko bestehen, dass sie ihre OSV nicht oder nur zu einem aus ihrer Sicht zu geringen Preis verkaufen können.

Wie ist die wirtschaftliche und finanzielle Lage von fairafric?

Die fairafric AG hat laut ihrer Gewinn- und Verlustrechnung für das Geschäftsjahr 2021 Umsatzerlöse von rund 2,1 Millionen Euro erwirtschaftet (2020 waren es rund 1,2 Millionen Euro). Der Jahresfehlbetrag belief sich für das Geschäftsjahr 2021 auf rund 750.000 Euro (2020: Jahresfehlbetrag von rund 410.000 Euro).

Gemäß den Angaben zur Bilanz 2021 wurden von der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (KfW DEG) Darlehen von insgesamt 3,0 Millionen Euro an das Tochterunternehmen der Emittentin, die fairafric Ghana Ltd, ausgereicht. Für diese Darlehen bestehen laut Bilanzangaben Bürgschaften der Emittentin.

Die Emittentin ist in einem hohen Umfang fremdkapitalfinanziert. Aus diesem Grund ist sie laut WIB für nachteilige Zinsänderungen und ansteigende Betriebsausgaben anfälliger als Unternehmen, die nicht oder nur in geringem Ausmaß mit Fremdkapital finanziert sind. Gleiches gilt für eine etwaige zukünftige Aufnahme von Fremdfinanzierungsmitteln. Soweit der Emittentin nur wenig Kapital aus der Anleiheemission zufließt, besteht laut WIB das Risiko, dass nur ungenügend Kapital für die Beschaffung von Produktionszutaten zur Verfügung steht – mit der Folge, dass die Produktion nicht stattfinden kann.

Im ersten Halbjahr 2022 hat die Emittentin öffentlich Aktien zu einem Ausgabepreis von 72 Euro je Aktie angeboten. ECOreporter berichtete hier. Im August 2022 hat die Emittentin eine weitere Kapitalerhöhung durchgeführt, die sich an bestehende Aktionäre richtete. Bei dieser Kapitalerhöhung belief sich der Ausgabepreis laut Unternehmensregistereintrag nur noch auf 58,25 Euro je Aktie.

Der Jahresabschluss der Emittentin für ihr Geschäftsjahr 2022 ist noch nicht im Unternehmensregister veröffentlicht (Stand: 8.5.2023). Nach Angaben des Unternehmens führt die Wirtschaftsprüfungskanzlei aktuell die letzten Schritte der Prüfung des fertiggestellten Jahresabschlusses durch. Nach der Testierung soll der Jahresabschluss umgehend veröffentlicht werden.

Einen Konzernabschluss, der auch ihre Tochtergesellschaft in Ghana umfassen würde, hat die Emittentin bislang nicht veröffentlicht. Die Liquidität der Emittentin hängt laut WIB entscheidend davon ab, ob die Investition in die Produktion durch die Schokoladenfabrik in Ghana erfolgreich fortgeführt wird und die Emittentin daraus ausreichende Rückflüsse erzielt, um neben ihren sonstigen Aufwendungen und Verbindlichkeiten auch die Zahlungen an die Anlegerinnen und Anleger zu bedienen.

Hohe Risiken

Die Anleihe 2029 der Emittentin ist mit einem Nachrang ausgestattet. Im Insolvenzfall werden die Forderungen aus den nachrangigen Orderschuldverschreibungen laut WIB nur berücksichtigt, wenn das Vermögen ausreicht, um alle Gläubiger mit höherem Rang vollständig zu befriedigen.

Die Emittentin ist nach eigenen Angaben von der Entwicklung des internationalen Schokoladenmarktes abhängig, insbesondere des ghanaischen Kakaobohnenmarkts. Hierzu gehören laut WIB wiederum preisbestimmende Faktoren wie z.B. die allgemeine Konjunktur in Ghana, die Entwicklung der Kakaobohnenpreise sowie das allgemeine Angebot-Nachfrage-Prinzip auf dem internationalen Schokoladenmarkt. Ghana, laut tagesschau.de vor wenigen Jahren noch Afrikas Musterland, befindet sich derzeit in einer schweren Wirtschafts- und Schuldenkrise. Diese könnte zu einem Staatsbankrott und zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Investoren wie z.B. fairafric deutlich verschlechtern.

Risiken können laut WIB auch dadurch entstehen, dass bei Instandhaltungen oder Reparaturen der Produktionsfabrik höhere Kosten als geplant oder unvorhergesehene Zusatzaufwendungen entstehen. Instandhaltungs- oder Reparaturmaßnahmen können sich verzögern, z.B. bei Schlecht-Wetter-Perioden oder durch fehlende Ersatzteile und Fachpersonal. Dies kann Produktionsausfälle zur Folge haben. Durch widrige Witterungsbedingungen (z.B. Sturm, langanhaltende Regen- oder Trockenperioden) ist es möglich, dass Lieferanten von fairafric weniger Kakaobohnen ernten und/oder die Ernte eine geringere Qualität erreicht.

Die Emittentin befindet sich im Wettbewerb mit anderen Schokoladenherstellern, beispielsweise hinsichtlich des Listings ihrer Produkte im Lebensmitteleinzelhandel. Es ist auch möglich, dass bei hohen Inflationsraten Konsumentinnen und Konsumenten vermehrt auf preisgünstigere Schokoladen-Produkte ausweichen, die nicht biozertifiziert und nicht fair produziert und gehandelt sind.

Die Risiken können dazu führen, dass sich die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Emittentin verschlechtert. Für Anlegerinnen und Anleger besteht ein erhebliches Risiko, ihr eingesetztes Kapital teilweise oder vollständig zu verlieren.

Fazit

Die fairafric AG vereint überzeugend ökologische Aspekte (Bio-Produkte) und soziale Aspekte (Schaffung von Arbeitsplätzen in Ghana). Der finanzielle Aspekt ist nicht fundiert zu beurteilen, da kein Konzernabschluss vorliegt, obwohl die Tochtergesellschaft in Ghana für die Emittentin äußerst wichtig ist. Daher ist die finanzielle Transparenz der Emittentin und damit des Anleiheangebotes nicht überzeugend. Die schwere Wirtschafts- und Finanzkrise in Ghana könnte mit zusätzlichen Risiken für fairafric verbunden sein.  

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