Leunawerke: Die Total-Raffinerie produziert u.a. rund drei Millionen Tonnen Benzin pro Jahr; das deckt etwa den Bedarf Sachsen-Anhalts, Sachsens und Thüringens. Als Grundstoff müssten Raffinerien nicht mit Erdöl arbeiten - auch Plastikmüll käme in Frage. / Foto: imago images, Sylvio Dittrich

  Erneuerbare Energie

Endlich mal erklärt: Grünes Benzin, warum Fridays for Future das lesen müssen und wieso die Malocher aus dem Kohlerevier begehrt sein sollten

Es gibt Dinge, die sind so selbstverständlich, dass sie keiner versteht. Weil sie überall und immer verfügbar sind und schon deshalb gar nicht verstanden werden müssen. Benzin ist so ein Beispiel. Treibt den Klimawandel weiter und kommt aus der Raffinerie. Weshalb Raffinerien schlecht sind. Oder? Eben: Oder. Denn eigentlich kommt es darauf an, was man daraus macht. Der Ingenieur Philipp Wagner hat ECOreporter erklärt, was geht. Und als Anleger/in wird man ganz hellhörig, wenn man so einem Fachmann lauscht.

Plötzlich erscheinen die Dinge in anderem Licht. Ob Wasserstoff-Aktien, Plastikmüll, Benzin oder Windenergie – wir haben dem Experten Platz gegeben, zu erläutern. Am Ende wundert man sich darüber, worüber wir in Deutschland bei der Energiepolitik diskutieren. Und worüber wir leider nicht diskutieren. Fridays for Future, bitte sprecht mit Philipp Wagner. Wir haben seine Telefonnummer. Und liebe ECOreporter-Leser/innen, bitte verzeiht uns: In diesem kurzweiligen langen Text ist keine einzige Aktie empfohlen. Aber so viel Hintergrundwissen so leicht präsentiert, dass die Lektüre rentabel ist - für alle, die klimaschonend investieren oder handeln wollen. Versprochen!

Philipp Wagner, Jahrgang 1972, ist beratender Ingenieur im Bereich Architektur, Hoch- und Anlagenbau. Er betreut Projekte für Raffinerien. Zuvor hat er am ITER Fusionsreaktor in Frankreich gearbeitet. Zusammen mit Freunden entwickelt er einen 100 MW-Windpark in Mauretanien, der mit Rückbauanlagen aus Deutschland bestückt wird. Das Crowdinvesting-Projekt in Afrika haben wir hier vorgestellt.

ECOreporter: Herr Wagner, Porsche beteiligt sich an einem Pilotprojekt in Chile, das "grünen Kraftstoff" herstellen soll. Klimaneutrales Benzin ist das Ziel - und die Bundesregierung fördert das mit 8 Millionen Euro. Sie sind Experte auf diesen Gebieten. Können Sie uns erklären, woraus und wie der neue Treibstoff entstehen soll? Was ist der Grundstoff dafür?

Philipp Wagner: Ich kenne die Anlage in Chile nicht im Detail, aber der Ablauf ist relativ einfach: Mit Hilfe von Windstrom wird zunächst grüner Wasserstoff erzeugt, der dann mit Kohlendioxid reagiert. Es entsteht ein sogenanntes Synthesegas oder kurz Syngas. Anschließend werden diese Gasmoleküle zu höheren Kohlenwasserstoffketten zusammengelagert. Der Prozess ist zwar nicht ganz unaufwendig, aber vom Grundsatz her einfach und auch gut beherrschbar. Die produzierten Kohlenwasserstoffe liegen dann zunächst relativ unsortiert und in unterschiedlichen Längen vor und werden anschließend in einem ganz normalen Raffinerieprozess zu dem gemacht, was wir als Ottokraftstoff, also Benzin, tanken. Für den Rennsport kann man dann auch hochoktaniges Benzin herstellen. Diesel und Kerosin sind weitere mögliche Produkte einer solchen Anlage.

Verstehen wir das richtig: Ich brauche nicht unbedingt Öl, wenn ich Benzin herstellen will?

Nein. Die Prozesse der Veredelung von Kohlenwasserstoffgemischen laufen in jeder Raffinerie ab, nur der Feedstock, also das Ausgangsmaterial, kommt bei einer Anlage wie der in Chile jetzt nicht mehr aus einem Bohrloch, sondern aus der Windfarm. Das ist der Clou: Am Ort der Produktion, „Upstream“, liefert keine Öl- und Gasplattform mehr, sondern eine Windfarm. Und neben dem Windpark steht dann nicht, wie normalerweise, ein Umspannwerk, sondern eine Reihe von Elektrolyseuren. Und zusätzlich diese neuen Anlagen, die das CO2 aus der Luft ziehen oder gesammelte Abgase aus anderen Anlagen verarbeiten und mit dem Wasserstoff zusammenbringen. Es entsteht ein „SynCrude“ – das ist ein „synthetisches Crude Oil“. Daraus stellt die Raffinerie die „SynFuels“, her, synthetische grüne Kraftstoffe. Dieser Prozess heißt „Downstream“. Die Kraftstoffe kann tatsächlich jeder tanken. Das ist gut.

In dem Kraftstoff steckt Energie – das ist der Sinn der Sache. Normale Autos mit Benzinmotor sollen den Kraftstoff nutzen können, beispielsweise auch Oldtimer. Warum braucht man die in Chile reichlich vorhandene Windenergie, um diesen Kraftstoff herzustellen?

Windgeneratoren sind Arbeitstiere mit hoher Verfügbarkeit. Wir sehen onshore, an Land, heute bereits Maschinen mit über 6 Megawatt (MW) Leistung, offshore, auf dem Meer, werden aktuell 12 MW-Turbinen installiert. Mein Büro hat Systeme mit bis zu 30 MW pro Anlage entwickelt. Mit Windparks im Bereich von 100 bis 1.000 MW in windreichen Gebieten, in denen atmosphärische Winde Tag und Nacht wehen, bekommen sie etwas geleistet. Chile hat solche Standorte, es gibt sie aber auch hier in Europa: rund um Schottland an der Atlantikkante beispielsweise. Aber auch in Afrika am Rand der Sahara, wo wir selbst mit einem Windpark aktiv sind.

Wenn wir einmal davon ausgehen, dass die Windkraftanlagen auch mit Hilfe erneuerbarer Energie hergestellt wurden, dann hätten wir also klimaneutralen Treibstoff. Aber in Chile. In Deutschland fahren noch 47 Millionen Autos mit Verbrennermotor. Wie bekommen wir den grünen Kraftstoff denn in unsere Tankstellen?

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