Eine Studie sieht Linde als größten Klimasünder im Dax – doch die Rechnung hinterlässt Fragen. / Foto: Unternehmen

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Linde, Globalance Invest und die Klimarechnung – herrjemine!

Der Industriegasekonzern Linde hat nach einer Pressemeldung des Schweizer Vermögensverwalters Globalance Invest das höchste Klimarisiko aller Konzerne im deutschen Leitindex Dax. Was eine echte Neuigkeit ist. Denn bisher galt Linde als einer der nachhaltigsten Konzerne überhaupt. Und nun: Ein Riesen-Klimasünder? ECOreporter hat versucht, der Berechnung auf den Grund zu gehen. Vergeblich.

Globalance, immer bemüht, mit Nachrichten von sich reden zu machen – Klingeln gehört schließlich auch für ehemals diskrete Schweizer Vermögensverwalter zum Geschäft –, stellt weitere Überraschungen vor: So soll Siemens Energy auch ein Größtsünder sein. Denn die ausgegliederte ehemalige Energiesparte des Münchner Technologiekonzerns Siemens stellt zwar alternative Energietechnologien und mit der Tochter Siemens Gamesa Windkraftanlagen her. Das Unternehmen verfügt aber laut Globalance Invest "nach wie vor über substanzielle Geschäftsanteile bei Kohle- und Gaskraftwerken".

Nur: Siemens Energy hat bereits im vergangenen Jahr das Neugeschäft mit kohlebetriebenen Kraftwerken beendet. Diesen Widerspruch erklärt Globalance Invest nicht. Und auch Folgendes ist seltsam: Die Science Based Targets Initiative (SBTi) ist eine Partnerschaft von Carbon Disclosure Project (CDP), UN Global Compact, World Resources Institute (WRI) und World Wide Fund for Nature (WWF). Sie hat auf wissenschaftlicher Basis überprüft, ob die CO2-Reduktionsziele von Siemens Energy im Einklang mit dem Übereinkommen von Paris stehen. Ergebnis: Das tun sie.

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Globalance Invest sieht Siemens Energy jedoch bei einem Ausstoß von mehr als 8 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent jährlich und damit als einsame Spitze der Klimasünder. Die zweitmeisten Emissionen fallen demnach bei HeidelbergCement an. Mit etwas über 2 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent aber nur ein Viertel so viel wie bei Siemens Energy. Die Globalance-Liste der Klimaferkel-Superlative soll sowohl direkte als auch indirekte Emissionen einbeziehen. In der Fachsprache Scope 1 und 2 und Scope 3. Scope 3 umfasst sowohl die Lieferkette als auch die Klimaemissionen der hergestellten Produkte. Linde agiert hier mit einem Ausstoß von weniger als 500.000 Tonnen auf vergleichsweise niedrigem Niveau.

Auch bei den durch die Produktion freigesetzten Treibhausgasen oder den Produkten mit dem höchsten CO2-Fußabdruck ist Linde deutlich von den "Spitzenplätzen" entfernt. Erster in der Liste ist Linde lediglich beim sogenannten "Erwärmungspotenzial".

Heiß, heißer, Linde?

Diese Kennzahl soll zeigen, auf wie viel Grad Erderwärmung das Geschäftsmodell eines Unternehmens ausgerichtet ist, im Vergleich zu einem globalen Klimaziel von maximal 2 Grad. Linde kommt hier nach Angaben von Globalance Invest auf das deutlich höchste Erwärmungspotenzial von mehr als 8 Grad Celsius. Platz zwei nimmt Volkswagen ein, mit etwa 7,5 Grad.


Lindes Wasserstoff-Tankstelle in Unterschleißheim: Der Konzern baut sein Wasserstoffgeschäft beständig aus. / Foto: Unternehmen

Das Erwärmungspotenzial berechnet Globalance Invest nicht selbst. Dahinter steckt vielmehr MSCI Carbon Delta. Das Unternehmen mit Sitz in Zürich wurde 2015 von Meteorologen gegründet und ist auf die Berechnung von Klimarisiken bei börsennotierten Unternehmen spezialisiert. Der US-Finanzdienstleister MSCI kaufte Carbon Delta 2019.

Für die Berechnung des Erwärmungspotenzials nutzt MSCI Carbon Delta auch Umsatzdaten, Daten zur CO2-Intensität und Geschäftstätigkeit. Dabei soll das Modell berücksichtigen, aus welcher Brache ein Unternehmen kommt. Konventionellen Versorgern mit Kohle- und Erdgasverstromung werden höhere CO2-Budgets zugestanden als zum Beispiel Softwareproduzenten, die nur den Strom für das Betreiben der Rechenzentren benötigen.

Auch selbst gesteckte und verbindlich kommunizierte Reduktionsziele der Unternehmen fließen laut der Erklärung zur Methodik, die ECOreporter vorliegt, in die Rechnung ein. Ebenso werden demnach relevante Patente zum technologischen Fortschritt der Produkte und Dienstleistungen berücksichtigt, welche direkt zu CO2-Einsparungen führen.

Die Gewichtung der einzelnen Faktoren bleibt aber ebenso unklar wie die genauen Zahlen, die MSCI Carbon Delta letztlich verwendet. ECOreporter kann die Rechnung nicht nachvollziehen. Es erscheint aber zumindest fragwürdig, weshalb Siemens Energy mit dem laut Globalance Invest deutlich höchsten Emissionsausstoß und auch dem größten CO2-Fußabdruck ein Erwärmungspotenzial von nur knapp über einem Grad Celsius besitzen soll – Linde aber von mehr als 8 Grad.

Fazit

Dieses „Erwärmungspotenzial“ ist eine für ECOreporter nicht erklärbare Kennzahl. Es ist eine Peinlichkeit, dass Globalance Invest damit Rankings in die Welt setzt, deren Nutzen vor allem darin liegen kann, Aufmerksamkeit zu erheischen. Für solche durchschaubaren Spielchen ist das Thema Klima dann doch zu ernst.

Linde ist eine ECOreporter-Favoriten-Aktie aus der Reihe Dividendenkönige. Zum ausführlichen Unternehmensporträt gelangen Sie hier. Lesen Sie zu den Wasserstoff-Tätigkeiten des Konzerns auch das ECOreporter-Dossier Von Bloom Energy bis Linde - Das sind die besten Wasserstoff-Aktien.  (Anmerkung in eigener Sache: ECOreporter hat niemals von Linde oder Siemens Energy einen Cent erhalten.)

Linde Plc:

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