Der Pflegeheimbetreiber Orpea sieht sich in Frankreich Vorwürfen der Misshandlung von Bewohnern ausgesetzt. Der Konzern weist diese zurück. / Foto: Unternehmen

  Nachhaltige Aktien

Orpea-Affäre: Warnung vor unzuverlässigen ESG-Scores

In Frankreich wird der französische Pflegeheimbetreiber Orpea der Misshandlung älterer Heimbewohner beschuldigt, der Konzern bestreitet die Vorwürfe. Die Aktie hat seit Beginn der Affäre im Januar knapp 60 Prozent ihres Werts verloren und war zwischenzeitlich vom Handel ausgesetzt. Zwei Anwaltskanzleien wurden von Orpea mit unabhängigen Ermittlungen in der Sache beauftragt.

Der auf Nachhaltigkeitsthemen spezialisierte Anlageberater Scientific Beta stellt die Frage: Wie konnte es zu der Affäre kommen bei einem Unternehmen, das von mehreren Rating-Agenturen die besten ESG-Bewertungen der Branche erhalten hat? Die Agenturen MSCI ESG, Sustainalytics, ISS ESG and Gaia Rating bewerteten Orpea demnach noch in ihrem Jahresreport 2021 mit Bestnoten. ESG steht für die Leistung in den Bereichen Ökologie (E wie Environment), Soziales (S wie Social) und gute Unternehmensführung (G wie Governance) – allerdings gibt es dabei keinerlei verbindlich definierte Kriterien.

Scientific Beta stellt in seinem Gutachten denn auch fest: ESG-Scores seien für Investoren, die sich mit sozialem Wohlergehen und ökologischer Nachhaltigkeit befassen, keine Orientierungshilfe. So unterschiedliche internationale Organisationen wie die OECD und der WWF hätten davor gewarnt, ESG-Scores als aussagekräftigen Indikator für die Nachhaltigkeit eines Unternehmens zu betrachten.

ECOreporter nutzt keine ESG-Scores

Diese Warnungen würden durch die hinreichend dokumentierte mangelnde Vergleichbarkeit der ESG-Bewertungen verschiedener Anbieter untermauert. So nutzen verschiedene Anbieter nicht nur unterschiedliche Ziele, Definitionen, Methoden und Daten, hinzu kommt laut Scientific Beta auch, dass die Bewertungen stark subjektiv seien.

Eine Umfrage innerhalb der Finanzbranche habe bereits eine weit verbreitete Skepsis gegenüber ESG-Scores gezeigt. Selbst Anbieter, die die Verwendung von ESG-Scores noch befürworten, täten dies häufig aus Mangel an besseren Optionen oder in dem Glauben, dass die Mängel von ESG-Scores mit der Zeit überwunden werden könnten.

Auch ECOreporter hat immer wieder auf das Problem der mangelnden Vergleichbarkeit von ESG-Bewertungen hingewiesen. Unterschiedliche Anbieter erstellen diese nach völlig unterschiedlichen Methoden. Diese sind im Detail zudem Geschäftsgeheimnis. ECOreporter verlässt sich daher bei seinen Tests nachhaltiger Fonds und nachhaltiger ETFs nicht auf externe ESG-Bewertungen, sondern prüft die angebotenen Produkte selbst: etwa darauf, welche Geschäftsfelder die Unternehmen im Aktienpaket haben und inwieweit Fonds-Anbieter ihren Einfluss für kritische Firmendialoge zum Thema Nachhaltigkeit nutzen. Details zum Benotungssystem von ECOreporter finden Sie hier.

Die Orpea-Aktie ist an ihrer Heimatbörse Euronext in Paris aktuell 3,6 Prozent im Plus zum Vortag und kostet 33,36 Euro (Stand: 8.2.2022, 9:09 Uhr). Auf Monatssicht notiert die Aktie 63 Prozent im Minus, im Jahresvergleich hat sie 72 Prozent an Wert verloren.

ECOreporter rät vom Einstieg in die Aktie aktuell ab.

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