Der Herdentrieb: Einer der Gründe, warum Geld anlegen manchmal nicht so gut klappt wie erhofft. / Foto: Pixabay

  Nachhaltige Aktien, Anleihen / AIF, Finanzdienstleister, Fonds / ETF

Nachhaltige Geldanlage: Alles Kopfsache?

Wer Geld investiert, wägt sorgfältig Chancen und Risiken ab, schaut auf aussagekräftige Zahlen, behält auch in hektischen Zeiten einen kühlen Kopf? In der Theorie vielleicht, in der Praxis überraschend oft nicht. ECOreporter nennt fünf typische Fallen, in die Anlegerinnen und Anleger tappen, weil sie sich von Gefühlen statt von ihrem Verstand leiten lassen.

Falle 1: „Das ist gerade DAS Boom-Thema, das kaufen alle!“

In der menschlichen Frühgeschichte war der Herdentrieb nützlich. Man folgte dem Rest des Stammes, um zu überleben. Bei der Geldanlage bringt blindes Mitlaufen hingegen häufig wenig. Der Impuls ist allerdings so tief in unserer DNA verwurzelt, dass es Überwindung kostet, ihm nicht nachzugeben. Man könnte ja was verpassen (Psychologen nennen dies den „Fear of missing out“-Effekt).

Seit viele Menschen fast rund um die Uhr mit ihrem Smartphone online sind, hat die Dynamik digitaler Trends stark zugenommen. Kaufen sehr viele private Anlegerinnen und Anleger eigentlich wertlose Aktien wie etwa die der US-Computerspielkette GameStop, verlieren Hedgefonds, die auf sinkende Kurse gesetzt haben, Millionen. Ziehen tausende Kundinnen und Kunden gleichzeitig nach Posts in den sozialen Medien ihr Geld von der Credit Suisse oder der Silicon Valley Bank ab, drohen Finanzsysteme in Schieflage zu geraten.


Der Lucid Air - ein schickes Elektroauto, an der Börse bislang aber eine Katastrophe. / Foto: Lucid

Sich einem Internet-Hype anzuschließen, kann viel bewirken – allerdings nur selten ein Plus auf dem Konto. Denn meistens sind die Gewinne – falls es überhaupt welche gibt – schon verteilt, wenn die breite Masse einsteigt. Wer spät GameStop-Aktien gekauft hat, dürfte einen Großteil des eingesetzten Geldes verloren haben. Gleiches gilt für junge Aktien aus vermeintlich coolen Branchen wie Wasserstoff, Cannabis, Elektromobilität. Oder auch für Kryptowährungen. Wer zuletzt auf einen fahrenden Zug aufspringt, bekommt meist keinen Sitzplatz mehr.

Ignorieren Sie deshalb Geldanlage-Tipps, die viral gehen. Überlegen Sie bei Ihrer Auswahl stattdessen: Wie haben sich die Gewinne von Unternehmen entwickelt? Wie gut sind ihre Zukunftsaussichten, wie hoch ihre Schulden? Sind Aktien oder Anleihen zu teuer? (ECOreporter-Einschätzungen dazu finden Sie unter anderem hier.) Springt eine Einlagensicherung ein, wenn eine Bank mit tollen Tagesgeld-Angeboten in die Pleite rutscht?

Und ganz wichtig: Kaufen Sie keine Finanzprodukte, die Sie nicht verstehen. Oft werden online Angebote beworben, die nicht nur hochriskant, sondern auch so kompliziert sind, dass sie kaum jemand durchschaut, etwa Derivate. Trotzdem kaufen überraschend viele Leute sie – womit wir wieder beim Herdentrieb wären.

Falle 2: „Megarenditen, ganz ohne Risiko! Bei diesem Geheimtipp muss ich dabei sein!“

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Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein: 10 Prozent Zinsen pro Jahr und so sicher wie ein Sparkonto. Wenn Sie solche Angebote sehen sollten: Auf keinen Fall einsteigen! Denn die Eier legende Wollmilchsau gibt es auch in der Geldanlage nicht. Wer Ihnen sensationelle Renditen für „todsichere“ Produkte verspricht, ist schlicht und einfach ein Betrüger.

Sind Angebote vergleichsweise sicher, bieten sie keine hohen Renditen. Nach risikoarmen Produkten suchen nämlich viele Investoren, ihre Anbieter müssen daher nicht mit starken Konditionen locken.

Daraus folgt im Umkehrschluss: Hohe Renditen bedeuten immer auch hohe Risiken. Niemand bietet für geliehenes Geld mehr Zinsen als nötig. Die oben erwähnten 10 Prozent muss nur zahlen, wer sich nicht anderswo günstiger finanzieren kann, etwa über Bankkredite. Richtig hohe Zinsen, beispielsweise für Anleihen, stellen daher vor allem junge Unternehmen in Aussicht, die noch keine Gewinne erzielen und von Banken nicht genügend Kapital erhalten – oft weil den Geldhäusern die Kreditrisiken zu hoch sind. Diese Risiken tragen dann stattdessen die Anleihegläubiger.

Manchmal fehlt Unternehmen auch Eigenkapital. Dann bieten sie attraktiv verzinste Nachrangdarlehen an. Das so eingesammelte Geld kann in der Bilanz häufig als Eigenkapital ausgewiesen werden und erleichtert es den Firmen, sich bei Profi-Investoren oder Banken weitere Finanzmittel zu besorgen. Nachteil für die Gläubiger der Nachrangdarlehen: Geht das Unternehmen pleite, ist ihr Geld im Regelfall verloren. Denn ihre Ansprüche werden erst nach denen aller anderen Gläubiger berücksichtigt – daher der Begriff „Nachrang“. Die Ausfallraten bei Nachrangdarlehen sind hoch. ECOreporter empfiehlt, in solche Darlehen nur Geld zu investieren, auf das Sie verzichten können. Und meiden Sie Unternehmen, die Eigenkapital brauchen, weil sie bilanziell überschuldet sind. Hier ist die Insolvenzgefahr besonders hoch.


Schlechte Erfahrungen mit der T-Online-Aktie halten viele Deutsche bis heute davon ab, in Aktien zu investieren. / Foto: Deutsche Telekom

Falle 3: „Kenne ich, kaufe ich!“

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah – ein weiteres psychologisches Phänomen, dessen Ursprung zehntausende von Jahren zurückliegt. Wer in der Steinzeit nur Pflanzen aß, die er kannte, konnte sich nicht vergiften. Nach dem gleichen Prinzip kaufen heute viele Menschen Aktien: „Ich bin jahrelang einen Golf gefahren und hatte nie Probleme damit – also wird auch die VW-Aktie solide sein.“ Möglicherweise ein Trugschluss. Denn während Steinzeitmenschen das, was sie aßen, wirklich kannten, sehen Anlegerinnen und Anleger beispielsweise bei VW häufig nur Dinge, die für eine Investitionsentscheidung wenig relevant sind: Autos, Wolfsburg, pompöse Werbeveranstaltungen. Ob die VW-Aktie aktuell wirklich besser ist als beispielsweise die von Tesla aus den USA oder BYD aus China, lässt sich eher anhand der letzten Geschäftsberichte beurteilen. Und die sind weltweit zugänglich, dafür muss ein Unternehmen nicht in Deutschland ansässig sein.

Marktanalysen zeigen schon seit Jahrzehnten, dass Anlegerinnen und Anleger bevorzugt in Wertpapiere aus ihrem Heimatland investieren, Deutsche beispielsweise zu etwa 40 Prozent. Rational ist das nicht (Psychologen sprechen hier von „Home Bias“), denn weltweit breit gestreute Investments sind weniger schwankungsanfällig und haben auf lange Sicht fast immer die höchsten Renditen gebracht. Der deutsche Leitindex Dax ist in den letzten fünf Jahren um immerhin 52 Prozent gestiegen, der globale Index MSCI World allerdings um mehr als 82 Prozent (Stand 17.5.2024).

Also: Denken und investieren Sie global. Damit vermeiden Sie auch die erheblichen Risiken, die entstehen, wenn „Kenne ich, kaufe ich!“ auf „Das ist gerade DAS Boom-Thema, das kaufen alle!“ (siehe oben) trifft. Bestes und bis heute für viele Deutsche abschreckendstes Beispiel für diese gefährliche Mischung: die T-Online-Aktie, deren Crash 2001 tausende von privaten Anlegerinnen und Anlegern um ihre Ersparnisse brachte.

Falle 4: „Den Fonds will ich, der hat in den letzten fünf Jahren 100 Prozent gewonnen!“

Aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen, ist in vielen Lebensbereichen sinnvoll, in Geldfragen aber wenig hilfreich. Nur weil ein Fonds in den letzten Jahren gut gelaufen ist, heißt das nicht, dass er auch künftig erfolgreich sein wird. Vielleicht setzt er auf Wertpapiere von Unternehmen, die weiterhin viel Potenzial besitzen. Vielleicht aber auch auf Firmen, die ihre besten Tage gesehen haben.


In Beratungsgesprächen werden oft Finanzprodukte angepriesen, die gar nicht zu den Kundinnen und Kunden passen. / Symbolfoto: Fotolia

So mancher Fonds ist auch nur deshalb im Zeitraum x eine Renditerakete gewesen, weil es da an der Börse generell steil bergauf ging. Kommen schlechtere Zeiten, fallen die Wertzuwächse höchstwahrscheinlich geringer aus, auch Verluste sind möglich. Ebenfalls zu beachten: Die besten Jahresergebnisse erzielen oft Nischenfonds, beispielsweise aus dem Solarbereich. Diese Fonds sind auf längere Sicht allerdings sehr schwankungsanfällig und eignen sich daher nicht als Basisanlage im Depot, sondern nur als Beimischung.

Schauen Sie bei der Auswahl weniger auf die bisherige Wertentwicklung eines Fonds als auf seine Zukunftsaussichten: Investiert er in Branchen, die in den nächsten zehn Jahren wachsen dürften? Sind Unternehmen im Bestand, deren Geschäftsmodell auf längere Sicht keine Perspektive hat? Ist der Fonds regional und thematisch breit genug aufgestellt, um auch in schwierigen Zeiten halbwegs wertstabil zu bleiben? ECOreporter hat hier viele sehr nachhaltige Fonds getestet.

Falle 5: „Aber der Berater war doch so nett!“

Ja, war er, aber er wollte auch Geld verdienen. Und das geht am besten mit Finanzprodukten, für die hohe Gebühren oder Provisionen anfallen. Diese Kosten tragen letztlich vor allem die Anlegerinnen und Anleger. In Deutschland haben beispielsweise in den letzten Jahren Millionen Menschen Lebensversicherungen abgeschlossen, die keine nennenswerte Rendite abwerfen. Solange es kein Provisionsverbot im Finanzvertrieb gibt – und danach sieht es weiterhin nicht aus –, werden viele Beraterinnen und Berater weiterhin nicht die optimalen Produkte für ihre Kundinnen und Kunden heraussuchen.

Lassen Sie sich in Beratungsgesprächen keine Fonds, Versicherungen oder Sparverträge andrehen, die nicht zu Ihnen passen. Wenn Sie Produkte nicht verstehen: Finger weg! Wenn Ihr Gegenüber Ihnen die Kosten nicht transparent aufschlüsseln kann: Finger weg! Wenn die Gebühren hoch sind: Finger weg! Prüfen Sie stets, ob es andere, günstigere Angebote gibt. Die warmen Worte eines Beraters bringen Ihnen keine Rendite.

In diesem Zusammenhang noch eine Warnung vor einer besonderen Variante des „Kenne ich, kaufe ich!“: Vertrauen Sie nicht blind Geldanlagetipps von Freunden und Verwandten. Informieren Sie sich immer selbst über die Details von Angeboten. Warum sollte ausgerechnet Ihr Vater oder Ihre Tennispartnerin Ihnen die besten Finanzprodukte am Markt empfehlen können? Auch hier gilt: Trauen Sie lieber Ihrem Kopf als Ihrem Bauch.

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